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Debatte um Kramp-Karrenbauer : Von Merkel lernen

Angela Merkels stoische Zurückhaltung hat auch Vorteile: Annegret Kramp-Karrenbauer könnte sich im Moment eine Scheibe davon abschneiden. Bild: EPA

Politik à la Merkel – die schmeckt nicht jedem. Doch eine Eigenschaft, die der Kanzlerin oft vorgeworfen wurde, würde auch der CDU-Vorsitzenden weiterhelfen. Und Hilfe hat Kramp-Karrenbauer dringend nötig, wie eine aktuelle Umfrage zeigt.

          Berichte, sie sehe Annegret Kramp-Karrenbauer schon nicht mehr als mögliche Nachfolgerin im Kanzleramt, hat Angela Merkel am Dienstag in Brüssel als „Unsinn“ bezeichnet. Sie habe sich „in vielen Jahren meiner politischen Tätigkeit mit Unsinn auch nicht intensiv befasst“, sagte die Bundeskanzlerin im unnachahmlichen Merkel-Stil. Und deswegen werde sie das auch nicht weiter kommentieren.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Wer will, kann das als übliches Ausweichmanöver eines Politikers auf eine heikle Frage bewerten. Aber nicht alles gleich zu kommentieren oder zu bewerten, ist ein Prinzip der Politik à la Merkel. Die Kanzlerin ist für diese Zurückhaltung immer wieder kritisiert worden. Sie positioniere sich erst spät, sitze Debatten aus und lasse Diskussionen laufen, bis sie festgestellt habe, woher der Wind weht. Opportunismus wurde ihr vorgeworfen.

          Lieber keine heftigen Bewegungen mit dem Steuer

          Doch ist dieses Vorgehen, das Flexibilität erlaubt, nicht nur ein Teil von Merkels Charakter, sondern auch ein Mittel ihrer Machtausübung. Die Kanzlerin hat es so vermieden, sich ständig angreifbar zu machen, sich in Debatten aufzureiben. Wenn alle Argumente ausgetauscht waren, hat sie als Stimme der Vernunft ihr salomonisches Urteil gefällt. Nicht immer, aber sehr oft war die Mehrheit der Bürger einverstanden.

          Diese Gelassenheit und Ruhe – sie liegen Merkels dauerhaftem Erfolg wesentlich zugrunde. Wer einen Tanker wie Deutschland, Europas größte Volkswirtschaft, zu steuern hat, sollte keine heftigen Bewegungen mit dem Steuer machen.

          Die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer hat in den vergangenen Monaten und Wochen einen anderen Politik-Stil gepflegt. Sie war rastlos unterwegs, hatte täglich viele Termine vor mehr oder weniger großem Publikum, zahlreiche Interviews und Reden – ein Programm, das bis an die Grenze ihrer körperlichen Belastungsfähigkeit ging.

          Das hatte auch damit zu tun, dass die Europawahl der erste Test war, ob mit dieser CDU-Vorsitzenden Wahlen zu gewinnen sind. Das Ergebnis ist eher bescheiden.

          Die Gelassenheit von Kanzlerin Angela Merkel scheint ihr zu fehlen: der CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer

          Vor allem aber hat Kramp-Karrenbauer immer wieder selbst auf kleinliche Kritik von außen reagiert, jeden Unsinn kommentiert, um es mit Merkels Worten zu sagen. Das tat sie leider allzu oft unglücklich, wie die jüngsten Bemerkungen über „Regulierungen“ für das Internet gezeigt haben. Diese Fehler haben mit ihrer Rolle und ihren Ambitionen zu tun. Kramp-Karrenbauer will keine Generalsekretärin de luxe sein. Sie wird in der Öffentlichkeit schon als Kanzlerin in spe wahrgenommen, das setzt sie unter Druck.

          Doch ob die CDU-Vorsitzende den Weg zur Kanzlerkandidatur und ins Kanzleramt erfolgreich bewältigt oder sich frühzeitig verkämpft, hängt davon ab, ob sie zur Gelassenheit zurückfindet – oder aber weiter unüberlegt und nervös agiert. Schließlich könnte die Strecke über zweieinhalb Jahre führen. Natürlich muss dieser Weg ihr eigener sein. Doch um ihn zu überstehen, muss die CDU-Vorsitzende von Merkel lernen.

          Eine große Mehrheit der Deutschen spricht der CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer die Eignung für die Kanzlerschaft ab. 70 Prozent halten sie derzeit nicht für die richtige Person für den Posten, ergab das vom Forsa-Institut per Umfrage unter rund 1500 Menschen ermittelte Trendbarometer für RTL/n-tv. Nur 19 Prozent halten sie für „fähig genug, das Kanzleramt zu übernehmen“.

          Selbst die Anhänger der CDU/CSU halten die Parteichefin zu 52 Prozent nicht für „kanzlerfähig“. 70 Prozent der Deutschen sind dafür, dass Amtsinhaberin Angela Merkel bis zum Ende der Legislaturperiode 2021 Bundeskanzlerin bleibt. Trotz der deutlichen Stimmenverluste bei der Europawahl sprechen sich nur 34 Prozent für ein vorzeitiges Ende der großen Koalition aus. 61 Prozent wünschen, CDU, CSU und SPD „sollten sich zusammenraufen und bis zum Ende der Legislaturperiode regieren“. Das gute Abschneiden der Grünen bei der Europawahl werten die Bundesbürger nicht als Ausnahme. 62 Prozent sind der Meinung, dass der Höhenflug der Grünen von Dauer ist. (Reuters)

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