https://www.faz.net/-gpf-afp1x

Merkel zu Gast in Düsseldorf : „Ich mache erstmal nichts, das ist sehr faszinierend“

  • Aktualisiert am

Bundeskanzlerin Angela Merkel am Mittwoch im Düsseldorfer Schauspielhaus Bild: EPA

Im Düsseldorfer Schauspielhaus wird die Bundeskanzlerin ungewöhnlich privat. Angela Merkel spricht über den Tod ihrer Mutter und über ihren Weg zu einem feministischen Bekenntnis.

          2 Min.

          So hat man Angela Merkel selten erlebt: Die scheidende Kanzlerin sitzt auf einer Theaterbühne in Düsseldorf, eingerahmt von der nigerianischen Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie, der Publizistin Miriam Meckel und der Journalistin Léa Steinacker. Merkel spricht nicht über Tagespolitik, sondern über Grundsätzliches, Gesellschaftliches, Philosophisches. Und sogar Persönliches.

          Was hat sie geprägt? „Dass ich als Kind mit geistig Behinderten zusammen aufgewachsen bin und da keine Furcht und Berührungsängste hatte. Dass ich Physik studiert habe.“ Etwa 80 Prozent der Studierenden seien Männer gewesen. Die hätten immer gleich losgelegt, so dass sie oft keinen Experimentiertisch mehr abbekommen habe. Da habe sie dann gelernt, sich in einem männlich dominierten Umfeld ihren Platz zu erkämpfen.

          Die Pfarrerstochter spricht auch über den Tod ihrer Mutter vor zwei Jahren. Natürlich sei es hart, wenn etwas so Privates geschehe und man gleichzeitig den Blicken der Öffentlichkeit ausgeliefert sei. „Wenn man dann immer angeguckt wird: Sieht man was? Das find ich schon schwer. Da muss man sich seinen Raum bauen.“ In diesen Raum habe sie dann niemanden hineingelassen, der da nicht hingehöre.

          Eurokrise war belastend für Merkel

          Ihr schwerster Moment? Die Eurokrise, als sie den Bürgern in Griechenland so viel zugemutet habe. Und schöne Momente? „Sehr oft wenn man einen Kompromiss gefunden hat.“ Zum Beispiel die Verabschiedung des Lissabon-Vertrags, der die Europäische Union auf ein neues Fundament stellte. Oder im vergangenen Jahr, als sich die Staats- und Regierungschefs der EU nach langem Streit doch noch auf die Corona-Hilfen einigten. „Dann ist man glücklich“, so die Kanzlerin.

          Hat sie mit ihrer Flüchtlingspolitik die Gesellschaft gespalten? Das scheint sie nicht so zu sehen. Dass ihr berühmtester Satz „Wir schaffen das“ eine Einladung an alle Flüchtlinge gewesen sei, nach Deutschland zu kommen, glaube sie nicht. 2015 hätten doch die Flüchtlinge schon vor der Tür gestanden. „Und jetzt zu sagen: Passt mal auf, zurück übers Mittelmeer, das war für mich kein Weg.“

          Stichwort Feminismus: 2017 ist sie bei einem Frauengipfel gefragt worden, ob sie sich als Feministin betrachte. Die Antwort kam zögerlich: Mit diesem Titel wolle sie sich nicht unbedingt schmücken, sagte Merkel damals. Die anderen Frauen auf der Bühne – unter ihnen Donald Trumps Tochter Ivanka und die niederländische Königin Máxima – bezeichneten sich dagegen ohne Umschweife als Feministinnen.

          F.A.Z. Machtfrage – Der Newsletter zur Bundestagswahl

          jeden Dienstag

          ANMELDEN

          Nun wird sie von Miriam Meckel noch einmal danach gefragt und korrigiert ihre Position: Máxima habe ihr damals schon das Tor geöffnet mit dem Hinweis, im Grunde gehe es doch nur darum, dass Frauen und Männer in gleichem Maße am gesellschaftlichen Leben teilnähmen. „In diesem Sinne kann ich heute bejahend sagen: Dann bin ich Feministin. Das habe ich damals auf der Bühne schon etwas schüchtern vorgebracht. Heute ist das besser durchdacht. In diesem Sinne kann ich sagen: Ja, wir sollten alle Feministen sein.“ Enormer Jubel im Haus.

          Auf die Frage, ob sie ruhigen Gewissens aus dem Amt scheide, antwortet die Bundeskanzlerin mit einem sehr klaren „Ja“ und fügt unter dem Applaus des Publikums hinzu: „Ich finde, dass ich meinen Beitrag geleistet habe.“ Jetzt brauche das Land etwas Neues.

          Und ihre eigene Zukunft? Seitdem sie Ende 1989 in die Politik gegangen sei, habe sie eigentlich keinen normalen Arbeitstag mehr gehabt und aufgehört, sich zu fragen, was sie abseits der Politik interessiere. Das wolle sie jetzt nachholen. „Möchte ich schreiben? Möchte ich reden? Möchte ich wandern? Möchte ich zuhause sein? Möchte ich in die Welt fahren? Und dazu, hab ich mir vorgenommen, mache ich eben erstmal nichts und warte mal, was so kommt. Und das, finde ich, ist sehr faszinierend.“

          Weitere Themen

          Das war Merkels Großer Zapfenstreich Video-Seite öffnen

          Nach 16 Jahren Amtszeit : Das war Merkels Großer Zapfenstreich

          Zum Ende ihrer Amtszeit als Bundeskanzlerin ist Angela Merkel von der Bundeswehr mit einem Großen Zapfenstreich verabschiedet worden. In ihrer Rede wirbt sie um Vertrauen in Politik und Wissenschaft und rechnet mit Verschwörungsideologen ab. Aber sie hat auch eine optimistische Botschaft.

          Topmeldungen

          Die SPD-Führung am Sonnabend in Berlin

          SPD für Koalitonsvertrag : Diese Koalition wird kein Selbstläufer

          Der baldige Kanzler Scholz hat die Rückendeckung seiner Partei. Aber es lauern Gefahren: Die SPD stellt die Regierungsjahre mit der Union als Zeit der sozialen Kälte dar. Und die erfolgreiche Geschlossenheit könnte rissig werden.

          Kommunikationskrise in München : Wie Nagelsmann die Bayern steuert

          Corona, Impfen, Qatar: Cheftrainer Julian Nagelsmann ist in München auch Außenminister und Feuerwehrmann. Das wirft vor dem Topspiel in Dortmund die Frage auf: Was machen eigentlich seine Vorgesetzten?
          Winfried Kretschmann am Sonnabend in Heidenheim

          Debatte angestoßen : Kretschmann wirbt für Impfpflicht

          Der baden-württembergische Ministerpräsident sieht das Impfen als einzigen Ausweg aus der Pandemie. Nur außergewöhnliche Maßnahmen böten einen Weg aus dem „Teufelskreis“. Außerdem will er die Legislaturperiode zu Ende bringen.