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Angela Merkel wird 60 : Ganz gut durchgekommen

  • -Aktualisiert am

Die Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzende Merkel wird sechzig. Bild: dpa

Angela Merkel entschied sich trotz erfolgreichen Physikstudiums für eine politische Karriere. Heute wird die mächtigste Frau der Welt sechzig. FAZ.NET gratuliert und blickt zurück auf einen ungewöhnlichen Weg zur Macht.

          Unter den Dissertationen ihrer Kollegen ragt die von Angela Merkel heraus: „Untersuchung des Mechanismus von Zerfallsreaktionen mit einfachem Bindungsbruch und Berechnung ihrer Geschwindigkeitskonstanten auf der Grundlage quantenchemischer und statistischer Methoden.“ Um den Zerfall von Molekülen geht es, um die Unmöglichkeit, deterministisch Prognosen dieses Prozesses zu treffen, um den Umstand, allein mit Wahrscheinlichkeiten operieren zu können: Erst am Ende steht das Ergebnis fest. Wenn der Mensch meine, hatte Wolf Singer gesagt, er sei frei, dann irre er, sitze einer Illusion auf. Alles, was er denke, fühle und (nicht) mache, sei gesteuert von Neuronen. Den Hirnforscher hatte Merkel zum Vortrag geladen – vor zehn Jahren, aus Anlass ihres 50. Geburtstages, zur Verblüffung des Publikums. Zitate. „Nichts ist prognostizierbar.“ Und: „Wir müssen uns von der Utopie der Planbarkeit der Zukunft verabschieden.“ Ein Blick in den Von-Tag-zu-Tag-Pragmatismus Angela Merkels?

          Merkel hat – im Großen wie im Kleinen – einen analytisch-beschreibenden Zugang zur Politik. Am liebsten zerlegt sie – wie es dem Arbeitsstil des Physikers nachgesagt wird – ein Politikfeld in so viele Einzelteile, dass am Ende kaum einer das „Warum“ und das „Wohin“ erkennt. Sie benennt Vorzüge und Nachteile, mögliche Folgen des Handelns und mögliche Gefahren. Wahrscheinlichkeiten eben. Die Dramatik schwindet. „Man muss mit den Realitäten leben“, nennt sie das. Und: „Man muss die Dinge nehmen, wie sie kommen.“ Eingeständnisse einer Machtpolitikerin: „Ich musste schon immer Sachen durchsetzen, die ich nicht erfunden habe.“ Auf das Geschäft dieser Tage übertragen: die Mütterrente etwa oder auch die Maut-Gebühr. Auf wichtigere Entscheidungen bezogen: Die (bis dato) Anhängerin der Kernkraft beschleunigte nach „Fukushima“ den „Ausstieg“. Wer einst glaubte, sie sei eine Anhängerin der Wehrpflicht, sah sich insofern getäuscht, als sie die Vorzüge der Wehrpflicht zwar anerkannte, den durch den Gang der Dinge entstandenen Nachteilen aber größeres Gewicht beimaß. Ausstieg. Peer Steinbrück hat das mit einer Mischung aus Bewunderung und Skepsis so beschrieben: „Ich würde mich jederzeit in ein Flugzeug mit ihr als Pilotin setzen, da fühle ich mich sicher, denn sie hat mechanisch alles im Griff – aber man weiß nie, wo man landet.“

          Geburtstagsstrauß vom Kabinett: Angela Merkel bekommt von ihren Ministern ein Blumenbouquet zum Geburtstag. Bilderstrecke

          Die Wende in Merkels Leben

          Merkel, die selbstironisch sein kann, hat es anders ausgedrückt: „Ich habe ja ein hohes Talent, mich unsichtbar zu machen.“ Manche glauben, das habe auch mit ihrer Sozialisation in der DDR zu tun, in die die Eltern kurz nach ihrer Geburt in Hamburg gezogen waren. Sie war nicht Teil der Opposition dort. Doch auch bloß regimeferne Menschen hatten es schwer. Merkels Mutter soll sie vor unangenehmen Folgen gewarnt haben, als sie über Lehrer schimpfte. Als bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1974 die Mannschaft der DDR den späteren Gewinner Bundesrepublik besiegte, soll sie befürchtet haben, nun auf der Schule mit Erläuterungen von den Vorzügen des Sozialismus behelligt zu werden. Merkel studierte lieber politikferne Physik als eine politiknahe Geisteswissenschaft.

          Anfang 1989 reichte Merkel ihre Dissertation ein. Es kam die Wende in Deutschland und in ihrem Leben. Sie wandte sich der Organisation „Demokratischer Aufbruch“ zu, wurde nach der DDR-Volkskammerwahl im Frühjahr 1990 stellvertretende DDR-Regierungssprecherin, lernte als solche während der Verhandlungen über die Details der Vereinigung der beiden Staaten maßgebliche westdeutsche Politiker kennen, trat der CDU bei und kandidierte erfolgreich für den Bundestag. Im Januar 1991 wurde Merkel als Bundesministerin für Frauen und Jugend vereidigt. „Dann habe ich langsam gelernt und bin ganz gut durchgekommen“, beschrieb sie kürzlich untertreibend ihren weiteren Weg. Sie kämpfte sich, auch tränenreich, durch: gegen Helmut Kohl, ihren einstigen Förderer, auch gegen Wolfgang Schäuble, gegen das in der Jungen Union entstandene Netzwerk der vielen CDU-Ministerpräsidenten, gegen die CSU und die Konservativen in der CDU. Mit Glück und mit Härte, mit Geschick und auch wegen der Fehler der Parteifreunde. Erste Frau an der Spitze einer Bundesregierung. Erster Kanzler, der verschiedenfarbigen Koalitionen vorstand – mit der SPD, mit der FDP, und auch eine mit den Grünen könnte es von ihr aus geben.

          Merkel trimmte die CDU auf einen neuen Kurs. „Alternativlos“ ist für die Naturwissenschaftlerin eine sachliche Feststellung, keine machtpolitische Drohung wie bei Gerhard Schröder, ihrem Vorgänger. Altvordere in ihrer Partei mögen sich beklagen, weil die CDU ihr „Gesicht“ verliere und alte Grundsätze verwerfe. Deutschland sei „kein Einwanderungsland“, war so einer. Einen Gegenentwurf zu Merkels Politik konnten und können sie nicht formulieren. Wer schon wollte noch für die Kernkraft eintreten – nach „Fukushima“? Der Erfolg sicherte den Kurswechsel ab. Drei Wahlsiege in Folge schafften bislang nur die Kanzler Konrad Adenauer und Helmut Kohl.

          Kartoffelsuppe statt kubanischer Zigarren

          Merkel ist im Volk und sogar im politischen Milieu beliebt. Vielleicht, weil ihr das Machtgehabe der Kohls, Schröders und Fischers sogar parteipolitischen Gegnern gegenüber fremd ist. Vielleicht, weil sie nicht auf vordergründige Weise eitel ist. Pflaumenkuchen und Kartoffelsuppe statt kubanischer Zigarren. Vielleicht, weil ihre violetten, roten, grünen Sakkos in den Reihen der Schwarze-Anzug-Träger schon fast einen Kultstatus genießen. Vielleicht, weil sie von den Fußballspielern Podolski und Schweinsteiger gemocht wird. Vielleicht, weil sie nicht herrisch auftritt und mädchenhaft lächeln kann. Vor allem aber, weil sie nicht auf Konfrontation aus ist. Merkel schimpft selten öffentlich, selbst im Wahlkampf nur ungern. Sie polarisiert nicht. Lieber übernimmt sie Forderungen der Konkurrenz: Frauenquote, Mindestlohn, Atomausstieg. Die Gewerkschaften behandelt sie freundlicher, als der Sozialdemokrat Schröder es tat. Von Industriebossen lässt sie sich nicht beeindrucken.

          Das geläufige „Mutti“ kommt nicht von ungefähr. Mutti kümmert sich um alles. Mutti moderiert, erklärt, erzieht und zeigt ihre Ängste nicht. Mutti kann auch streng sein. An Merkel aber perlt ab, was ihren Vorgängern nicht nachgesehen worden wäre: Geheimnistuerei, Entmachtung der Parteigremien, abrupte Kehrtwendungen. Mit ihr hat sich der Typus des erfolgreichen Politikers in Deutschland verändert. Die Ministerpräsidenten der Länder sind wie sie – sich Kümmernde, Pflichtbewusste, nicht auf den schönen äußeren Schein bedacht. Den Wunsch, sich nicht inszenieren zu wollen, inszeniert Merkel konsequent – und authentisch.

          Wie die Kanzler vor ihr kam Angela Merkel aus den Niederungen der Innen- und der Parteipolitik. Und wie die Kanzler vor ihr hatte sie sich der Außenpolitik zuzuwenden, besonders der Europa-Politik. Und das in einem Ausmaß, dass manche in ihrer Partei die „innenpolitische Agenda“ zu vermissen beginnen. Die Krise des internationalen Finanzwesens prägte ihre erste Amtszeit als Kanzlerin, die Bewältigung der Euro-Krise die zweite. Mit der Ukraine-Krise steht ihr nun ein Thema ins Haus, welches es seit dem Krieg nicht mehr gegeben hatte: die gewaltsame Veränderung von Staatsgrenzen.

          Mehr und mehr beginnt Merkel, die aktuelle (Welt-)Politik im Strom der Zeiten zu sehen, Gegenwart und Vergangenheit verknüpfend. Wladimir Putins Besuch beim Papst kann sie ein historisches Ereignis nennen – als eines für Machtfragen maßgeblichen Vertreters der russisch-orthodoxen Kirche beim Oberhaupt der römisch-katholischen. Die rigide Innenpolitik Chinas kann sie nachvollziehen – als Mittel, die alte Größe und Einheit des Reiches wieder herzustellen. Europas Stellung in der Welt ist ihr nicht sicher. An Merkels 60. Geburtstag, den sie an diesem Donnerstag feiert, wird der Historiker Jürgen Osterhammel sprechen. Er versucht die Geschichte der Welt nicht unter einem eurozentristischen Blickwinkel zu beschreiben. Wer sich einen Vortrag zu einem solchen Thema wünscht, hat noch manches vor.

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