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Angela Merkel wird 60 : Ganz gut durchgekommen

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Merkel trimmte die CDU auf einen neuen Kurs. „Alternativlos“ ist für die Naturwissenschaftlerin eine sachliche Feststellung, keine machtpolitische Drohung wie bei Gerhard Schröder, ihrem Vorgänger. Altvordere in ihrer Partei mögen sich beklagen, weil die CDU ihr „Gesicht“ verliere und alte Grundsätze verwerfe. Deutschland sei „kein Einwanderungsland“, war so einer. Einen Gegenentwurf zu Merkels Politik konnten und können sie nicht formulieren. Wer schon wollte noch für die Kernkraft eintreten – nach „Fukushima“? Der Erfolg sicherte den Kurswechsel ab. Drei Wahlsiege in Folge schafften bislang nur die Kanzler Konrad Adenauer und Helmut Kohl.

Kartoffelsuppe statt kubanischer Zigarren

Merkel ist im Volk und sogar im politischen Milieu beliebt. Vielleicht, weil ihr das Machtgehabe der Kohls, Schröders und Fischers sogar parteipolitischen Gegnern gegenüber fremd ist. Vielleicht, weil sie nicht auf vordergründige Weise eitel ist. Pflaumenkuchen und Kartoffelsuppe statt kubanischer Zigarren. Vielleicht, weil ihre violetten, roten, grünen Sakkos in den Reihen der Schwarze-Anzug-Träger schon fast einen Kultstatus genießen. Vielleicht, weil sie von den Fußballspielern Podolski und Schweinsteiger gemocht wird. Vielleicht, weil sie nicht herrisch auftritt und mädchenhaft lächeln kann. Vor allem aber, weil sie nicht auf Konfrontation aus ist. Merkel schimpft selten öffentlich, selbst im Wahlkampf nur ungern. Sie polarisiert nicht. Lieber übernimmt sie Forderungen der Konkurrenz: Frauenquote, Mindestlohn, Atomausstieg. Die Gewerkschaften behandelt sie freundlicher, als der Sozialdemokrat Schröder es tat. Von Industriebossen lässt sie sich nicht beeindrucken.

Das geläufige „Mutti“ kommt nicht von ungefähr. Mutti kümmert sich um alles. Mutti moderiert, erklärt, erzieht und zeigt ihre Ängste nicht. Mutti kann auch streng sein. An Merkel aber perlt ab, was ihren Vorgängern nicht nachgesehen worden wäre: Geheimnistuerei, Entmachtung der Parteigremien, abrupte Kehrtwendungen. Mit ihr hat sich der Typus des erfolgreichen Politikers in Deutschland verändert. Die Ministerpräsidenten der Länder sind wie sie – sich Kümmernde, Pflichtbewusste, nicht auf den schönen äußeren Schein bedacht. Den Wunsch, sich nicht inszenieren zu wollen, inszeniert Merkel konsequent – und authentisch.

Wie die Kanzler vor ihr kam Angela Merkel aus den Niederungen der Innen- und der Parteipolitik. Und wie die Kanzler vor ihr hatte sie sich der Außenpolitik zuzuwenden, besonders der Europa-Politik. Und das in einem Ausmaß, dass manche in ihrer Partei die „innenpolitische Agenda“ zu vermissen beginnen. Die Krise des internationalen Finanzwesens prägte ihre erste Amtszeit als Kanzlerin, die Bewältigung der Euro-Krise die zweite. Mit der Ukraine-Krise steht ihr nun ein Thema ins Haus, welches es seit dem Krieg nicht mehr gegeben hatte: die gewaltsame Veränderung von Staatsgrenzen.

Mehr und mehr beginnt Merkel, die aktuelle (Welt-)Politik im Strom der Zeiten zu sehen, Gegenwart und Vergangenheit verknüpfend. Wladimir Putins Besuch beim Papst kann sie ein historisches Ereignis nennen – als eines für Machtfragen maßgeblichen Vertreters der russisch-orthodoxen Kirche beim Oberhaupt der römisch-katholischen. Die rigide Innenpolitik Chinas kann sie nachvollziehen – als Mittel, die alte Größe und Einheit des Reiches wieder herzustellen. Europas Stellung in der Welt ist ihr nicht sicher. An Merkels 60. Geburtstag, den sie an diesem Donnerstag feiert, wird der Historiker Jürgen Osterhammel sprechen. Er versucht die Geschichte der Welt nicht unter einem eurozentristischen Blickwinkel zu beschreiben. Wer sich einen Vortrag zu einem solchen Thema wünscht, hat noch manches vor.

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