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Merz und Merkel würdigen Kohl : Mit Kohl ein Verhältnis zu Russland denken?

Angela Merkel (CDU), ehemalige Bundeskanzlerin, und Friedrich Merz, CDU-Bundesvorsitzender, begrüßen sich bei der Eröffnungsveranstaltung der Bundeskanzler-Helmut-Kohl-Stiftung. Bild: dpa

In Berlin lädt die jüngste Bundeskanzler-Helmut-Kohl-Stiftung: Aber über die Schattenseiten des CDU-Politikers schwieg selbst Angela Merkel. Was sie von Kohl gelernt habe, könne auch Richtschnur im Umgang mit Russland sein.

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          An keinem Ort war die Erinnerung an Helmut Kohl seit langem so lebendig, wie in Berlins Mitte am Dienstagabend. Ganze Kabinette seiner Regierungszeit ließen sich am Gendarmenmarkt nachbilden: ehemalige Innenminister wie Rudolf Seiters oder Verteidigungsminister a.D. Rupert Scholz, Getreue wie Kanzleramtsminister Horst Teltschik oder Bernhard Vogel, alle im neunten Lebensjahrzehnt waren gekommen.

          Peter Carstens
          Politischer Korrespondent in Berlin

          Dazu Ehemalige mehrere CDU-Generationen unter denen der frühere Gesundheitsminister Hermann Gröhe mit seinen einundsechzig Jahren geradezu jugendlich wirkte. Und natürlich Angela Merkel, seit 1990 „neugierige Schülerin von Helmut Kohl“ im Kabinett. Merkel wusste zu berichten, dass Kohl von ihr bei der ersten Begegnung in Bonn nur wissen wollte: „Wie verstehst Du Dich mit anderen Frauen?“ Ihre Antwort – so gut oder schlecht wie mit Männern auch – habe wohl ausgereicht, sie dem Bundespräsidenten als Frauenministerin vorzuschlagen.

          „Entscheidend ist, was hinten rauskommt“

          An diesem Abend war die frühere Kanzlerin, neben dem Begrüßungsredner Friedrich Merz, die mit Spannung erwartete Rednerin des Abends. Als „Schlusswort“ angekündigt hätte es der früheren Kanzlerin erlaubt, kurz und abschließend zu sein. Stattdessen widmete sie Kohl eine Rede, die von Anekdoten, aber auch nüchtern-bewundernden Passagen für den europäischen Staatsmann geprägt war. Seine Ziele, darunter auch die Wiedervereinigung, habe Kohl beharrlich verfolgt: „Nicht zu spät, aber auch nicht zu früh entscheiden“, diese Maxime habe sie sich von ihm abgeschaut, sagte Merkel und zitierte ihn: „Entscheidend ist, was hinten rauskommt“.

          Die Bedeutung des Persönlichen, den Willen zu Gestalten – und das Denken in historischen Zusammenhängen, das sei für ihn wichtig gewesen, so wie für sie. Die Zerstörung, die Russland gegenwärtig anrichte, sei sowohl militärisch, politisch als auch persönlich. Man müsse „alles daran setzen, die Souveränität und Integrität der Ukraine wiederherzustellen“. Im Sinne Kohls müsse man aber auch das gegenwärtig Undenkbare denken, nämlich ein Verhältnis zu Russland zu haben. Putin müsse man ernst nehmen, was er sage, sei kein Bluff, mahnte Merkel, die Putin wohl besser kennt als jeder andere amtierende oder frühere Regierungschef.

          Wegbegleiter und Freunde Kohls versammelten sich unter der Kuppel der in der Friedrichstadtkirche zur ersten öffentlichen Veranstaltung der „Bundeskanzler Helmut Kohl“-Stiftung, ebenso wie Abgeordnete der aktuellen Unions-Fraktion, angeführt vom Vorsitzenden Friedrich Merz. Den umwehte noch der Pulverdampf seines am Vormittag krachend verlorenen Gefechts um die Deutungshoheit in aktuellen Angelegenheiten. Den ukrainischen Kriegsflüchtlingen „Sozialtourismus“ vorzuwerfen, konnte aber auch an peinliche Äußerungen Kohl erinnern, der seinerzeit den Sowjetführer Gorbatschow erst schwer beleidigt hatte („Goebbels-Vergleich“ hieß die Affäre), dann aber politisch meisterlich doch für die deutsche Einheit gewinnen konnte.

          Vom Aufstieg und Fall Kohls

          Und um das Virtuose dieses Politikers sollte es an jenem Abend gehen, Erinnerung an Zeiten, als CDU und CSU regierten und Kohl fast 49 Prozent der Stimmen bekam, 1987 war das. 13 Jahre hatte es gedauert, ehe es der Union nach ihrem ersten Machtverlust gelang, wieder ins Kanzleramt einzuziehen. Das war 1982 und Helmut Kohl war der Oppositionspolitiker, dem es damals im Bundestag gelang, den Sozialdemokraten Helmut Schmidt aus dem Amt zu bringen.

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