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Kanzlerin im F.A.Z.-Interview : „Eine Islamisierung Deutschlands sehe ich nicht“

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Natürlich stehen wir auf dem Fundament der christlich-jüdischen Traditionen aus den vergangenen Jahrhunderten. Wir sind durch eine gemeinsame Geschichte in Europa gegangen, wir hatten die Aufklärung. Daraus haben sich unsere heutige Werteordnung und unser Verhältnis von Staat und Glauben entwickelt. Wenn wir heute darüber sprechen, dass inzwischen auch der Islam zu Deutschland gehört, dann sprechen wir über die Realität unserer heutigen Gesellschaft. Und da gilt für mich, dass alle Menschen, die unsere Werteordnung teilen, mit ihrer Religion auch zu unserem Land gehören.

Halten Sie die Furcht vor der Islamisierung Deutschlands für berechtigt?

Nein. Die Muslime und ihre Religion, der Islam, sind Teil unseres Landes. Eine Islamisierung sehe ich nicht. Ich sehe eher für Christen die Notwendigkeit, noch mehr und selbstbewusst über ihre christlichen Werte zu sprechen und ihre eigenen Kenntnisse ihrer Religion zu vertiefen. Mit fortschreitender Säkularisierung lassen die Kenntnisse über das Christentum immer mehr zu wünschen übrig. Jeder sollte sich selbst fragen, was er zur Stärkung der eigenen Identität, zu der bei der Mehrheit immer auch noch die christliche Religion gehört, tun kann. Das ist aber keine klassische Aufgabe für die Politik. Im Wesentlichen sind hier Kirchen und in erster Linie die Gläubigen selbst gefordert. Die Politik kann hier nur die Rahmenbedingungen schaffen wie etwa mit dem Religionsunterricht, den ich sehr befürworte.

Was ist Pegida für Sie?

Ich kann nur wiederholen, was ich in meiner Neujahrsansprache gesagt habe, dass in den Herzen derer, die zu diesen Demonstrationen aufrufen, zu oft Vorurteile, Kälte, sogar Hass sind. Ich kann den Menschen nur empfehlen, dem nicht zu folgen. Es gibt viele ernste Fragen in unserer Gesellschaft. Als Bundeskanzlerin aller Deutschen ist es meine Aufgabe, wo immer möglich für eine Lösung der Probleme zu arbeiten, die die Menschen umtreiben. Das tue ich mit aller Kraft. Ich muss verstehen, was die Sorgen sind, aber ich muss nicht Verständnis für jede Form von Demonstration haben.

Sie haben ausdrücklich dazu aufgerufen, nicht an den Demonstrationen teilzunehmen. Ist dieser Protest aus Ihrer Sicht völlig unberechtigt und illegitim?

Ich verstehe viele Probleme, die viele Menschen umtreiben, etwa die unbestreitbaren Fragen, die die Zuwanderung aufwirft, die ansonsten für unser Land ein Gewinn und im Übrigen unverzichtbar ist, oder die Kriminalität in den Großstädten und in bestimmten Grenzgebieten. Da sind wir als Bundesregierung gefordert und arbeiten auch systematisch an Lösungen, aber bei den genannten Demonstrationen sind auch andere Motive im Spiel. Deshalb sage ich den Menschen, dass sie sich von denen nicht instrumentalisieren lassen sollten, die zu diesen Demonstrationen aufrufen.

Auf den Hass, von dem Sie sprachen, stößt man inzwischen an vielen Stellen in der politischen Debatte, besonders auch im Internet, wo gegen die „Volksverräter“ in der Politik und die „Lügenpresse“ gehetzt wird. Wo kommt dieser Hass her?

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