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Kanzlerin im F.A.Z.-Interview : „Eine Islamisierung Deutschlands sehe ich nicht“

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Heißt das, die Muslime und deren Verbände in Deutschland tun noch nicht genug, um das Abgleiten junger Menschen in den Terrorismus zu verhindern?

Das ist mir zu pauschal. Die muslimischen Verbände haben am Mittwoch eine Mahnwache veranstaltet und sich dabei sehr deutlich geäußert. Es ist besonders wichtig, dass sie diese klare Trennlinie zu allen Gewaltbereiten ziehen.

Eine wachsende Zahl der Deutschen fürchtet sich vor dem Islam. Verstehen Sie das?

Ich weiß, dass viele Menschen ein Unbehagen spüren, vielleicht auch, weil wir zu wenig über den Islam wissen. Darauf müssen wir Politiker, die Kirchen, die Gesellschaft insgesamt reagieren. Die Menschen fragen auch, wie man dem so oft gesagten Satz noch folgen kann, dass Mörder, die sich für ihre Taten auf den Islam berufen, nichts mit dem Islam zu tun haben sollen. Ich halte eine Klärung dieser berechtigten Frage durch die Geistlichkeit des Islams für wichtig und dringlich. Die überwiegende Zahl der Muslime, die bei uns leben, steht fern jeder Gewaltbereitschaft. Sie ziehen selbst eine Trennlinie zur Gewalt. In den vergangenen Tagen ist das in Frankreich und in Deutschland auch geschehen.

Wo ziehen Sie die Trennlinie zwischen Islam und Islamismus?

Der Islamismus findet statt, wo unter Berufung auf die Religion Gewalt angewendet wird oder zur Gewaltanwendung aufgerufen wird, um andere zu unterwerfen. Es gibt keinerlei Rechtfertigung, im Namen einer Religion Gewalt anzuwenden.

Es gibt Stimmen, die sagen, die Gewalttätigkeit sei im Islam angelegt.

Ich bin als Bundeskanzlerin die falsche Ansprechpartnerin für die Auslegung theologischer Fragen. Das ist Aufgabe der Geistlichkeit des Islams. Meine Aufgabe ist es, die übergroße Mehrheit der Muslime in Deutschland vor einem Generalverdacht zu schützen und Gewalt im Namen des Islams zu bekämpfen.

Sie teilen die Aussage des früheren Bundespräsidenten Wulff, dass der Islam zu Deutschland gehöre. Was bedeutet das für Sie konkret?

Dass sehr viele Muslime hier in Deutschland leben, insgesamt rund vier Millionen Menschen, die entweder die deutsche Staatsangehörigkeit oder jedenfalls dauerhaft hier ihren Lebensmittelpunkt haben und in ihrer übergroßen Mehrheit rechtschaffene, verfassungstreue Bürger sind. Sie sind ein Teil von Deutschland, und der Glaube, der ihnen wichtig ist, ist es inzwischen auch. Sie sind Bürgerinnen und Bürger dieses Landes, sie fühlen sich Deutschland verpflichtet und bringen sich mit ihrer Kraft hier ein. Wir erwarten, dass sie die deutsche Sprache sprechen, wir erwarten, dass sie sich zu unserer Rechtsordnung bekennen, und sie dürfen von uns erwarten, dass wir sie dann auch als zu uns gehörig annehmen.

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Gehen Politik und Justiz schon entschlossen genug gegen Muslime in Deutschland vor, die unsere Rechtsordnung nicht akzeptieren und nach den Regeln der Scharia leben wollen? Der Salafismus gehört eindeutig nicht zu Deutschland.

Richtig, der Salafismus gehört nicht zu Deutschland. Wir begegnen ihm mit den Mitteln unseres Rechtsstaats. Das Strafrecht schützt unsere Werteordnung. Sogenannte Ehrenmorde, Gewaltexzesse in Familien oder Versuche, hier mit der Scharia eine Paralleljustiz zu etablieren, sind damit eindeutig nicht vereinbar. Das müssen wir klar sagen und durchsetzen. Unsere unabhängige Justiz hat die Aufgabe, strafbares Verhalten insoweit konsequent zu ahnden.

Wulffs Satz, den Sie sich zu eigen machten, stieß und stößt auf Widerspruch, auch in Ihrer eigenen Partei, weil viele ihn als Gleichstellung des Islams mit Christentum und Judentum verstehen, die eine ungleich größere Bedeutung für die Geschichte, die Kultur und das Selbstverständnis dieses Landes haben.

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