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Kommentar : Eine Explosion der Kandidaturen

Abgang auf Raten: Angela Merkel vergangene Woche beim Schlussspurt der Hessen-CDU in Berlin Bild: EPA

Merkel hat gut daran getan, auf den Vorsitz zu verzichten. Die CDU lebt geradezu auf.

          Angela Merkel hat die einzig richtige Konsequenz aus dem neuerlichen Wahldebakel gezogen. Ein „Weiter so“ mit ihr hätte den fortgesetzten Niedergang bedeutet, für ihre Partei und ihre Kanzlerschaft. Mit dem Verzicht auf eine nochmalige Kandidatur als Parteivorsitzende, die in jedem Fall die letztmalige gewesen wäre, nimmt Merkel den Druck aus dem Kessel, der sich zunehmend auch in der CDU selbst aufgebaut hatte. Die Folgen von Dampfexplosionen aber sind unberechenbar. So jedoch wird Merkel selbst von ihren parteiinternen Kritikern für eine souveräne Entscheidung gelobt, die sich als Auftakt zu einem selbstbestimmten Abgang präsentieren lässt.

          Merkel bringt mit ihrem Schritt Bewegung in eine politische Landschaft, die im Falle der beiden deutschen „Grand Old Parties“ im Eis der Ratlosigkeit und der Verzweiflung zu erstarren drohte. Die CDU lebt geradezu auf. Die Meldung über Merkels Verzicht war kaum über den Ticker gegangen, da gab es eine Art kambrische Explosion bei der Ankündigung von Kandidaturen. Es outeten sich die üblichen Verdächtigen: Annegret Kramp-Karrenbauer, Jens Spahn – und Friedrich Merz. Für jüngere Semester: Merz war einst Hoffnung aller, die sich eine liberalere Wirtschafts- und Finanzpolitik sowie eine konservativere Gesellschaftspolitik wünschten – bis Merkel ihm 2002 das Amt des Fraktionsvorsitzenden im Bundestag wegnahm.

          Die Rückkehr des 2009 aus dem Parlament und der aktiven Politik Ausgeschiedenen könnte einen Kurz-Effekt haben, wie er in Österreich zu beobachten war. Doch nur weil es heißt: „Er ist wieder da“, lassen die anderen, die sich Hoffnungen auf Merkels Nachfolge machen, den Aussteiger, der wieder einsteigen will, und zwar gleich ganz oben, nicht einfach so an sich vorbeiziehen. Kramp-Karrenbauer und Spahn mussten, als Merzens Ankündigung das Kandidatenkarussell anschob, sofort aus der Deckung kommen. Denn das Fell der Bärin wird jetzt verteilt, nicht erst am Ende der Jagdsaison. Wer CDU-Vorsitzende(r) wird, wird auch Kanzlerkandidat(in), ob die nächste Bundestagswahl planmäßig stattfindet oder früher. Armin Laschet hält sich – natürlich – ebenfalls noch im Spiel: nicht als der xte Kandidat, was komisch ausgesehen hätte, sondern als Manager der Kandidatenkür.

          Merkel rettet mit ihrem Schritt von ihrer Kanzlerschaft, was noch zu retten ist. Eine Garantie, bis 2021 Kanzlerin bleiben zu können, erhält sie dafür freilich nicht. Zum einen ist nicht sicher, dass ihr Verzicht auf den Parteivorsitz der CDU wieder bessere Ergebnisse beschert. Denn auch „nur“ als Kanzlerin bleibt Merkel für viele Deutsche ein rotes Tuch. Zum anderen ist unklar, welche Schlüsse die SPD aus dem personellen Neuanfang nicht nur in der CDU zieht. Nach Merkels Abgang als Parteivorsitzende wird es auch Seehofer kaum gelingen, sich dauerhaft an dem Amt festzuklammern, an dem er seit der Bayern-Wahl über dem Abgrund hängt. Seehofers Bedauern über Merkels Entscheidung könnte also echt sein; eine klammheimliche Freude in Berlin, dass es bald auch den Horst erwischt, ebenso.

          Wer aber soll nun die CDU in eine hellere Zukunft führen? Es ist weise, dass Merkel keine Empfehlung abgibt; sie wäre eine Belastung. Die Partei hat nach 18 Jahren die Wahl zwischen gleich mehreren Kandidaten, Naturellen, Profilen. Könnte aber auch jeder der drei Aspiranten Kanzler? Das ist ein Kriterium, das ein(e) CDU-Vor sitzende(r) mehr denn je erfüllen muss. Denn welche Partei sonst sollte in diesen Zeiten den Regierungschef Deutschlands stellen?

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