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Angela Merkel in Heidenau : Pack ehrt sich, Pack verklärt sich

  • -Aktualisiert am

„Wir sind das Pack“: Gegner des Asylbewerberheims in Heidenau begrüßen die Bundeskanzlerin mit Buhrufen und Handzeichen. Bild: AFP

Wie Bundeskanzlerin Angela Merkel und Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich bei einem Besuch in Heidenau von wütenden Deutschen und begeisterten Flüchtlingen empfangen werden.

          5 Min.

          Die am meisten zu hörenden Sätze vor der Notunterkunft für Asylbewerber in Heidenau lauten: „Ich bin nicht rechts“ und „Wir sind keine Nazis.“ Danach folgt meist das bekannte „Aber“, und der erste Politiker, der sie an diesem Mittwochvormittag zu hören bekommt, ist Stanislaw Tillich. Sachsens Ministerpräsident ist eine halbe Stunde vor der Bundeskanzlerin nach Heidenau gekommen, und er geht sofort auf eine Ansammlung von etwa 50 Menschen zu, die sich hinter einer Polizei-Absperrung gegenüber der Flüchtlingsunterkunft gesammelt haben.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Die Leute, überwiegend Männer um die 60 Jahre alt, reden sofort drauf los: „Wir wollen unsere Meinung sagen!“, „Lassen Sie endlich eine faire Diskussion zu!“, „Wir haben Sorgen!“, und: „Wir sind das Pack!“ Als solches hatte Sigmar Gabriel bei seinem Besuch in Heidenau die Verantwortlichen für die Gewaltausbrüche am Wochenende bezeichnet. Tillich hört geduldig zu und sagt dann: „Was wir in den zwei Nächten hier erlebt haben, geht gar nicht.“ Viel weiter kommt er nicht, weil jetzt alle durcheinander rufen, teilweise gibt es Zustimmung, teilweise Protest.

          „Was machen denn die jungen Männer hier den ganzen Tag?“, brüllt einer und zeigt auf die Asylbewerberunterkunft. „Lassen Sie mich doch mal ausreden“, bittet Tillich, und dann etwas lauter: „Hören Sie mir bitte zu!“ Doch das wollen hier die wenigsten, sie fordern Dialog, aber sie möchten nur ihre Meinung gelten lassen. „Wir sind wütend!“, schallt es Tillich entgegen. Angebliche Zahlen und Fakten machen die Runde: Die Linkspartei habe die Leute zur Gewalt aufgewiegelt, nur vier Prozent der Asylbewerber kämen aus Kriegsgebieten. Aber es seien doch zuerst mal Menschen, sagt Tillich. Warum er Leute als Menschen betrachten solle, die aus niederen Beweggründen hierher kämen und sich durchfüttern ließen, fragt ein Mann, der auf einem Plakat eine „faire Diskussion“ fordert.

          Spätestens jetzt ist klar, wer sich hier am Vormittag bei strahlendem Sommerwetter versammelt hat. Die friedlichen Bürger von Heidenau, die Bürgermeister Jürgen Opitz in den vergangenen Tagen beinahe heldenhaft verteidigt hat, sind nicht da. So haben die rechtsextremen Bürger, die von sich selbst sagen, dass sie keine Nazis, ja noch nicht mal rechts sind, mal wieder freie Bahn.

          Die Polizei ist in beeindruckender Stärke auf dem Gelände angetreten, bei Facebook hatte es Morddrohungen gegen die Bundeskanzlerin gegeben. Wohl auch deshalb wird jetzt ein Sperrbereich gebildet, wie ein Beamter per Megafon erläutert. Alle müssen hinter ein weißes Absperrband, damit „die Schutzperson“ ungehindert passieren könne. Die Menschen und eine große Zahl von Reportern und Kamerateams treten zurück.

          Das Interesse an Merkels erstem Besuch in einer Flüchtlingsunterkunft ist riesig. Der Termin freilich hat sich eher zufällig ergeben. Schon lange stand im Kalender der Kanzlerin die Eröffnung eines Neubaus der Uhrenmanufaktur „Lange & Söhne“ im nahe gelegenen Glashütte. Nach den Ereignissen vom Wochenende hätte sie jedoch nicht ohne weiteres an Heidenau vorbeifahren können, noch dazu, da die politische Konkurrenz in Form von Sigmar Gabriel bereits vor ihr dort gewesen war.

          Das Uhrenstädtchen im Osterzgebirge ist so etwas wie der Gegenentwurf zu Heidenau. Während nach der Wiedervereinigung in Heidenau die Industrie zusammenbrach und Tausende Menschen ihre Jobs verloren, begann das verschlafene Glashütte zu boomen. Die Kunst des Uhrmachens war wieder gefragt, der Absatz von Luxus-Chronographen stieg; zahlreiche Unternehmen siedelten sich an, viele Firmen wurden wieder oder neu gegründet, und heute platzt der Ort aus allen Nähten.

          Heidenau dagegen hat zu kämpfen, doch es ist auf einem guten Weg. Ein Möbelwerk, eine Papier- und eine Malzfabrik sowie mehrere Maschinenbaufirmen gibt es im Ort, die Kommune gilt als familienfreundlich, die Kinderbetreuung als hervorragend. Auch 70 Asylbewerber leben längst in der Stadt an der Elbe, sie wurden dezentral in Wohnungen untergebracht und gelten als gut integriert. Doch es gibt hier auch Wendeverlierer, Menschen, die nie mehr richtig auf die Beine kamen, heute von Mindestrente leben und sich zurückgelassen fühlen. Sie sind es vor allem, die Angst haben, wenn von einem Tag auf den anderen 600 Asylbewerber angekündigt werden. Und die NPD, die in Heidenau mit 7,5 Prozent bei der letzten Kommunalwahl mehr Stimmen als die SPD holte, versucht damit, Stimmung zu machen.

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