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Angela Merkel : Sie hat recht behalten

Angela Merkel spricht am Sonntag auf der Pressekonferenz in Berlin. Bild: AP

Zur Freude besteht für die Kanzlerin, angesichts der vielen Toten und Schwerkranken, kein Anlass. Vielleicht hört der ein- oder andere in der Pandemie künftig stärker auf sie – und auf die Wissenschaft.

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          Ihre vielen Jahre auf höchster politischer Ebene bringen es mit sich, dass das Publikum ein kleines bisschen über das Privatleben Angela Merkels weiß. Viel ist es nicht, die Kanzlerin hält sich da bedeckt. Öffentlichkeit ist für sie, gerade wenn es Privates angeht, eine Begleiterscheinung ihres Amtes. Mehr nicht.

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Umso erstaunlicher war es, dass sie am vorigen Mittwoch im Bundestag einen kurzen Blick in eine private Entscheidung gewährte, der Fragen bis tief ins Politische aufwirft. Als es in der Debatte über Corona um den Wert der Wissenschaft und der Aufklärung ging, erinnerte Merkel daran, dass sie in der DDR Physik studiert habe, weil sich Dinge wie Schwerkraft und Lichtgeschwindigkeit nicht außer Kraft setzen ließen. Dass sie damit die Beeinflussung durch die SED meinte, bedurfte keiner Erwähnung. Das war nicht das Neue. Interessant vielmehr war der kleine Einschub: „Das hätte ich in der alten Bundesrepublik wahrscheinlich nicht getan.“ Die Chance, sich in Westdeutschland ein anderes Studienfach auszusuchen, hätte sie nur gehabt, wenn die Familie nicht unmittelbar nach Merkels Geburt 1954 von Hamburg in die DDR gegangen wäre.

          Merkels gerade in der Pandemie von vielen geschätzte nüchterne Art, Probleme zu analysieren, Meinungen von Fachleuten mit echtem Interesse anzuhören und anschließend politische Schlüsse daraus zu ziehen, wird gerne damit erklärt, dass sie geradezu vom Wesen her eine Naturwissenschaftlerin sei. Vielleicht muss dieses Bild doch etwas differenziert werden.

          Dennoch dürften die Fähigkeit und Bereitschaft, an die Bewältigung der Pandemie zuvorderst mit wissenschaftlichem Blick heranzugehen, dazu geführt haben, dass Merkel nun, da die Beschränkungen des öffentlichen und privaten Lebens angesichts hoher Infektionszahlen wieder verschärft werden müssen, auf traurige Weise bestätigt wird. Sie hat alles getan, um das Phänomen der exponentiellen Entwicklung von Infektionszahlen warnend darzustellen. Mit wechselndem Erfolg.

          Merkel kann sich angesichts vieler Toter und schwer Erkrankter nicht darüber freuen, recht behalten zu haben – abgesehen davon, dass lautstarkes Triumphieren ohnehin nicht ihrer Art entspricht. Vielleicht aber hört der eine oder andere Ministerpräsident, der nach Meinung der Kanzlerin zu rasch auf Lockerungen der Beschränkungen in der ersten Welle gedrungen hatte (unvergessen ihre verärgerte Wortschöpfung im Frühjahr, man habe es mit „Öffnungsdiskussionsorgien“ zu tun), nicht nur jetzt, mitten in der zweiten Welle, mehr auf Merkel und die Wissenschaft, sondern auch in einer hoffentlich nicht mehr zu langen pandemischen Zukunft. Denn nur recht zu haben, bringt Merkel nichts. Sie muss ihre Position auch durchsetzen können.

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