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Angela Merkel in Auschwitz : „Eigentlich müsste man verstummen“

  • -Aktualisiert am

Kanzlerin Merkel und Polens Ministerpräsident Morawiecki am Freitag in Auschwitz Bild: Reuters

Zum ersten Mal besucht Angela Merkel das ehemalige Vernichtungslager in Auschwitz. Dass die Bundeskanzlerin gerade jetzt dorthin reist, ist kein Zufall.

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          Es ging auf Mittag zu, als Angela Merkel am Freitag im sogenannten Stammlager von Auschwitz im kalten Wind stand. An ihrer Seite war der polnische Ministerpräsident Mateusz Morawiecki. Es waren Blumengebinde auf hölzernen Dreibeinen aufgestellt worden, das eine in den Farben der polnischen Flagge, das andere in denen der deutschen. Sie befanden sich vor einer Wand im Block elf des ehemaligen Konzentrationslagers der Nationalsozialisten. Vor dieser Wand haben die Nazis die Häftlinge im Lager erschossen.

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Die Bundeskanzlerin ist zum ersten Mal nach Auschwitz gereist, frühmorgens hat sie ein Flugzeug von Berlin nach Kattowitz genommen, der Flug dauerte knapp eine Stunde. Zunächst hat sie im Stammlager mit dem polnischen Ministerpräsidenten die Ausstellung besucht, die unter anderem das Modell eines Krematoriums zeigt, dazu Brillen, Schuhe, Koffer und Haare von Ermordeten, aber auch bürokratischen Schriftverkehr und Abbildungen damals illegal angefertigter Fotos. Dieser Teil der Ausstellung war bereits in den fünfziger Jahren von Überlebenden konzipiert worden.

          „Mit Menschenverstand nicht zu erfassen“

          Es falle ihr „alles andere als leicht“, hier zu sprechen, sagte Merkel, nachdem sie vom Stammlager ins Vernichtungslager Auschwitz II-Birkenau gefahren war. Hier fand ein Festakt statt anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Stiftung, die sich um den Erhalt der Gedenkstätte kümmert. Zunächst sprach ein Überlebender, der schilderte, wie er als Kind mit seiner Mutter aus Warschau nach Auschwitz gebracht worden war. Als Merkel wenig später ihre Rede hielt, wirkte es für einen Moment so, als werde ihre Stimme brüchig, als sie von Kindern sprach, die Opfer der Nationalsozialisten geworden waren. „Ich empfinde tiefe Scham angesichts der Verbrechen“, äußerte die Kanzlerin. „Eigentlich müsste man verstummen.“

          Auschwitz sei ein Ort, der wie kein anderer für das „größte Menschheitsverbrechen“ steht. Die Verpflichtung zur Erinnerung an die NS-Verbrechen sei „nicht verhandelbar“ und gehöre „untrennbar zu unserem Land“. „Uns dieser Verantwortung bewusst zu sein, ist fester Teil unserer nationalen Identität, unseres Selbstverständnisses als aufgeklärte und freiheitliche Gesellschaft, als Demokratie und Rechtsstaat“, fügte die Kanzlerin hinzu.

          Sie forderte, sich weiter der Taten zu erinnern. Sie stünden für den „Zivilisationsbruch, dem sämtliche menschliche Werte zum Opfer fielen“. Was in Auschwitz geschehen sei, lasse sich „mit Menschenverstand nicht erfassen“. Es war ihr wichtig, daran zu erinnern, dass das Lager im heutigen Polen ein „deutsches, von Deutschen betriebenes Vernichtungslager“ gewesen sei.

          Nach 14 Jahren an der Spitze der Bundesregierung ist Merkel also nach Auschwitz gereist, an jenen Ort, der weltweit zum Inbegriff der massenhaften Ermordung vor allem von Juden, aber auch anderen Opfergruppen, durch die Nationalsozialisten wurde. Merkels Vorgänger Helmut Schmidt und Helmut Kohl waren hier gewesen, andere Bundeskanzler nicht. Doch als Schmidt und Kohl da waren, saß noch nicht eine Partei als drittgrößte Fraktion im Bundestag, deren Führungsfigur die Zeit des Nationalsozialismus als „Vogelschiss“ bezeichnet hatte oder auf deren rechtem Flügel eine Wende der Erinnerungskultur um 180 Grad gefordert wurde. 

          Nun ist Merkel nicht nach Auschwitz gereist, weil die AfD so stark geworden ist. Aber dass die Entwicklung des Diskurses über die historische Verantwortung Deutschlands in den Reihen der AfD so ist, wie sie ist, spielte natürlich als Hintergrund ihrer Reise eine Rolle. Sie erwähnte in ihrer Rede den 70. Jahrestag des Grundgesetzes, in das die Lehren der Vergangenheit eingeflossen seien. Doch so kostbar dessen Werte seien, so „verletzlich“ seien sie zugleich. Deswegen müssten sie immer wieder verteidigt werden.

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