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Angela Merkel : Die Frau an der Macht: Vom Mädchen zur Mutti

  • -Aktualisiert am

Kandidat und Kanzlerin: Im Wahlkampf unterscheidet Steinmeier und Merkel mehr als nur 37 Prozentpunkte in der Beliebtheitsskala Bild: ddp

Angela Merkel ist längst am Ziel: Die Frauenfrage, das ewige „Kann die dat?“, gibt es nicht mehr. Und was sie will, weiß keiner. So bleibt die Politikerin im Tarngewand ihres Geschlechts zugleich unfassbar und „authentisch“.

          9 Min.

          Alle sagen, das ist kein Thema mehr. Es sei selbstverständlich geworden, nicht mehr der Erwähnung wert, dass eine Frau Deutschland regiert. „Die Normalität ist für uns Frauen von außerordentlich großer Bedeutung“, sagt Maria Böhmer, Vorsitzende der Frauenunion. Was war da nicht alles gewesen: Das Äußerliche natürlich: die Schuhe - zu ausgelatscht, die Brille - zu bieder, die Handtasche - o, là là, der Schmuck - zu unbedarft, die Frisur - welche Frisur?, die Hosenanzüge, die Farbe des Jacketts - jedes Detail löste eine Flut von Kommentaren aus, gegen die sich Schröders Brioni-Episode wortkarg ausnahm. Und erst das norwegische Dekolleté: die Entdeckung der Weiblichkeit, die große Offensive, das Wettbrüsten! Und dann die grundsätzliche Frage: „Kann die dat?“ Kann eine Frau das?

          Spott über „das Merkel“

          Dass es kein Thema mehr ist, ist der Triumph einer Frau, die viele Jahre lang darum gerungen hat, nicht als Frau wahrgenommen zu werden. Die nie Frauenkanzlerin sein wollte. Die gerade als Frau viele Blessuren erlitten hat, den Spott über die mangelnde Weiblichkeit, über „das Merkel“. Die es stets abgelehnt hat, in Klischees von Männlichkeit und Weiblichkeit zu denken. „Die Frau hat wirklich kein Vorurteil zu Geschlechterfragen, entweder weil sie so aufgewachsen ist oder weil sie so klug ist, diesen Aspekt zu vernachlässigen“, sagt sogar die Unternehmensberaterin Gertrud Höhler, eine ihrer schärfsten Kritikerinnen, wenn es um Merkels Politik geht. Als die Kanzlerin hört, dass es in unserem halbstündigen Gespräch um „Merkel, die Frau“ gehen soll, ist sie entsetzt.

          Manche nennen sie „Mutti”: Die Kanzlerin und die CDU-Männer.

          30. April. Berlin, Bundeskanzleramt. Die Kanzlerin hat Sozialarbeiterinnen eingeladen. Unter den etwa zweihundert Gästen sind, wie sie zufrieden feststellt, auch ein paar Männer. Podiumsdiskussion, Streichquartett, Kindergesang, Häppchen. Die Podiumsdiskussion eröffnet die Kanzlerin mit einigen Bemerkungen über ihre Kindheit in Templin, die kinderreichen Nachbarn, das Zusammenleben mit geistig Behinderten. Sie hat gelernt, dass es wichtig ist, Persönliches preiszugeben.

          Noch immer beginnt sie die Sätze ein wenig zögernd, fast unsicher. Sie sitzt auf dem Podium mit übereinandergeschlagenen Beinen, der Oberkörper regungslos. Das violette Jackett wirkt zu eng, als stecke der Oberkörper in einem Panzer, aus dem weich und beweglich Kopf und Arme hervorschauen. Die Anspannung steckt in den Schultern, die immer etwas hochgezogen sind.

          Die Authentische

          Auf den ersten Blick ist alles Routine und heitere Gelassenheit. Aber sie ist sich der Beobachtung immer bewusst, in diesen zwei Stunden gibt es keinen Moment der Entspannung, auch dann nicht, als die Häppchen gereicht werden und sie mit kleinen Grüppchen für Erinnerungsfotos posiert. Die Gäste haben nach der Veranstaltung einen guten Eindruck: nichts Neues, aber sie fühlen sich ernst genommen. Und die Kanzlerin sei so authentisch. „Das Authentische ist sehr wichtig“, sagt Frau Merkel. „Die Leute nehmen eher in Kauf, dass die Haare mal nicht so sitzen, als wenn sie den Eindruck haben, sie haben einen Schauspieler vor sich.“ Merkel, die Authentische. Das ist eines ihrer großen Erfolgsrezepte. Wie gelingt ihr das, im Zentrum der großen Inszenierung, die die Kanzlerschaft in Zeiten der Mediendemokratie ist, authentisch zu wirken? Sie weiß, welche Schwächen sie zu ihrem Vorteil zeigen kann, dass es viel wirkungsvoller ist, Unzulänglichkeiten nicht zu verbergen. Sie hat das Amt, die Aura und den Respekt. Zugleich sind ihre Kanten noch nicht gänzlich abgeschliffen, formuliert sie noch immer holprig, sieht alles andere als perfekt aus - sympathisch wirkt das und ehrlich.

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