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Angela Merkel : Die Außenkanzlerin

Angela Merkel: Chancen suchen und nutzen, Risiken meiden Bild: AP

Erst Indien. Dann Afghanistan. Jetzt Amerika: Angela Merkel zieht es in die weite Welt hinaus. Dort bremst niemand ihren Tatendrang - schon gar nicht das Korsett, in das der Koalitionspartner SPD sie innenpolitisch eingeschnürt hat. Ein Kommentar von Berthold Kohler.

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          Vor einer Woche, im Hubschrauber über Kabul, mischte sich wieder diese Neugier in ihren Blick, der von inländischen Dienstgeschäften kaum noch aus der Fassung zu bringen ist. Es war eine fast mädchenhaft wirkende Neugier, unterlegt vom Bedürfnis der Wissenschaftlerin und Politikerin, zu verstehen, was sich nur wenige hundert Meter unter ihr abspielt. Die Physikerin Merkel könnte Afghanistan als Experiment ansehen. Die Bundeskanzlerin Merkel aber weiß, dass es bei dem Versuch, ein ganzes Land zu retten, um Leben und Tod geht.

          Berthold Kohler
          Herausgeber.

          Den ersten Blick auf Kabul aus dem Hubschrauber erhaschte die Kanzlerin durch die Luke des Bordschützen. Außenpolitiker sollten diese Perspektive kennen. Nirgendwo stellt sich die Frage nach Sinn und Berechtigung eines Militäreinsatzes so eindringlich wie neben einem aufmunitionierten Maschinengewehr. Doch auch nach dieser Begegnung in schusssicherer Weste änderte sich die Antwort der Kanzlerin nicht. Für sie steht fest, dass Afghanistan nicht wieder zu einer Basis des islamistischen Terrors werden darf.

          Bis an die Schmerzgrenze der SPD

          Deutschland hat ein unmittelbares Interesse daran, diesem Feind Aufmarschgebiete zu verweigern, die er für Angriffe auf Europa nutzen könnte. Die Bundeskanzlerin ist davon überzeugt, dass ihre Regierung in Afghanistan mit darüber entscheidet, wie sicher man sich in München, Frankfurt oder Dortmund fühlen kann. Dass der Norden des Landes halbwegs ruhig bleibt, ist ihr nicht weniger wichtig als die Bekämpfung der Taliban im Süden. Doch behält sie die Dinge gern in der Hand. Soldaten in den Süden zu schicken unter ein fremdes Kommando - das ist ihr außen- wie innenpolitisch zu riskant. Der potentielle militärische wie politische Gewinn stünde in keinem vernünftigen Verhältnis zu den Gefahren, die mit einer solchen Ausweitung des Engagements verbunden wären.

          Mit Splitterschutzweste im Hubschrauber über Kabul
          Mit Splitterschutzweste im Hubschrauber über Kabul :

          Auch in der auswärtigen Politik ist es nicht untypisch für diese Kanzlerin, Chancen zu suchen und zu nutzen, große Risiken dabei aber möglichst zu meiden. Angela Merkel hat Gefallen an der Außenpolitik gefunden, die viel weniger stark vom Korsett der Koalition mit der SPD eingeschnürt wird als alles, was sie im Inland anrühren kann. In der Außenpolitik blitzt der Tatendrang der Reformerin von Leipzig auf, den die Wähler vor zwei Jahren für die Innenpolitik arg beschnitten. Die Kanzlerin nimmt ihr Vorrecht, sich selbst um die wichtigsten Fragen auf dem internationalen Parkett zu kümmern, bis zur Schmerzgrenze der SPD in Anspruch - und bis zur Grenze der physischen Erschöpfung ihrer engen Mitarbeiter. Die Konstitution, die man braucht, um allein das ständige Schlafdefizit auszuhalten, bringt sie mit.

          Sogar die Kaczynskis wurden aus dem Bunker gelockt

          In den vergangenen zwei Wochen war Angela Merkel in Indien, in Afghanistan und in Amerika. Der Koalitionsausschuss, den sie an einem Sonntagabend dazwischenschob, sah aus wie eine Runde zur Auflockerung. Unter Angela Merkel ist die deutsche Außenpolitik in ruhigeres Fahrwasser zurückgekehrt. Die Kanzlerin hat die Schäden an den Verhältnissen zu wichtigen Verbündeten und Nachbarn repariert, die Schröder hinterlassen hatte. Wenn sie an einer Achse schraubte, dann an der atlantischen, mit dem Ziel, sie zu stärken.

          In Washington weiß man, dass es nicht ein Pudel war, der Koch und Kellner von der Spitze des Landes vertrieben hat. Doch nutzt es den Beziehungen zum wichtigsten Verbündeten, dass die Amerikaner nicht mehr fürchten müssen, in Berlin werde dauernd über Modelle der Gegenmachtbildung nachgedacht.

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