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Angela Merkel in China : Fluss mit Symbolkraft

Angela Merkel in Wuhan. Der Fluss Chang Jiang (ehemals Jangtsekiang), durch den einst Mao Zedong schwamm, hat es der Kanzlerin offenbar angetan. Bild: EPA

In Wuhan, Chinas sechstgrößter Stadt mit großem Hafen und bedeutender Industrie, neigt sich der Besuch der Kanzlerin in China dem Ende entgegen. Auf einer Brücke lässt Merkel anhalten – an einer Stelle, wo Mao Zedong einst seinen Machtanspruch mit Körpereinsatz demonstriert hatte.

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          Es war ein bisschen kurios. Eine halbe Stunde lang war Angela Merkel am Samstagvormittag durch die zentralchinesische Millionenstadt Wuhan gefahren, hindurch durch einen mal lichteren, mal dichteren Wald sowohl bewohnter als noch im Bau befindlicher Hochhäuser aus Stahl und Beton mit zehn bis 20 Stockwerken oder mehr, so dass sie angesichts der Wohnungsnot in Berlin glatt neidisch hätte werden können; und anschließend empfahl sie chinesischen Studenten, sie sollten Holzhäuser bauen. Zugegeben, dabei ging es nicht um die Bekämpfung von Wohnungsnot, sondern um das Binden von CO2 im Holz. Wer ein Holzhaus baue, sorge dafür, dass das schädliche Gas nicht in die Luft gelange, sagte Merkel an der „Walduniversität“ von Wuhan, die tatsächlich von Bäumen umgeben ist und sich somit vom übrigen Stadtbild abhebt.

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Die Bundeskanzlerin diskutiert gerne und erlebt dabei unterschiedlichste Herausforderungen. Neulich wurde sie in Mecklenburg-Vorpommern von einem Fragesteller mit der Behauptung konfrontiert, es gebe keine Meinungsfreiheit in Deutschland. Das war nicht nett, aber sie konnte das leicht kontern, indem sie darauf hinwies, dass das schon deswegen nicht stimmen könne, weil man ihr eine solche Frage stellen dürfe. Auf Auslandsreisen pflegen die Diskussionsteilnehmer weniger unverschämt zu sein, aber immerhin muss Merkel mal mit kritischen Fragen rechnen.

          In Wuhan war diese Gefahr nun gleich null. Die chinesischen Studenten waren artig, lobten die Kanzlerin für ihre nicht einmal zehnminütige und allgemein gehaltene Rede und dankten dafür, eine Frage stellen zu dürfen. Eine davon war wenig überraschend zur Klimapolitik. Merkel glänzte in diesem Teil der Diskussion mit Detailwissen über die Energieerzeugung durch den Drei-Schluchten-Staudamm am Jangtsekiang – 22 Gigawatt – und warnte die chinesische Gesellschaft vor einem Übermaß an Verzehr von Rindfleisch mit dem trockenen Hinweis, „die Kühe sind ganz methanausstoßend“. Jedenfalls ließ sie keinen Zweifel, dass der Klimawandel auch vom Menschen gemacht sei, und dieser mithin seinen Beitrag leisten müsse, um dagegen anzugehen.

          Eher ein leichter Auftritt für die Kanzlerin: Angela Merkel spricht vor Studenten an der Huazhong Universität im chinesischen Wuhan.

          Die „Huazhong University of Science and Technology“ (HUST) ist unmittelbar dem chinesischen Bildungsministerium unterstellt. Sie bietet etwa hundert Bachelorprogramme an und ungefähr doppelt so viele Master- und Promotionsstudiengänge. Inhaltliche Schwerpunkte sind die Fachgebiete Maschinenbau, Optik und Biomedizin, doch das große Studienangebot reicht von den Gebieten Medizin, Wirtschaft und Ingenieurwissenschaft bis hin zur Philosophie. Es gibt auch eine kleine Germanistikabteilung und ein Sprachlernzentrum des Goethe-Instituts. Merkel bekam also Fragen aus unterschiedlichsten Fachrichtungen gestellt.

          Manche Fragen waren reichlich speziell. Zum Beispiel die, ob die Kanzlerin sich einen Roboter-Wettbewerb zwischen China und Deutschland vorstellen könne. Das ist nun nicht Merkels Spezialgebiet, aber sie ist routiniert genug, auf alle erdenklichen Fragen zu antworten. Also erinnerte sie daran, dass es ja schon Roboter gebe, die gegeneinander Fußball spielten. Schrauben könnten Roboter ja auch, überhaupt seien sie zu vielem in der Lage. Viel mehr sagte sie nicht zu deutsch-chinesischen Roboterwettbewerben, nur so viel, dass das wohl eher eine Angelegenheit der Hochschulen sei und die in Deutschland Ländersache seien. Sie habe aber einen Tipp:  Die Technischen Universitäten in Berlin und München seien sehr gut auf dem Gebiet der Roboter.

          So plätscherte die Diskussion, die zum Ende von Merkels kurzer Chinareise stattfand, freundlich dahin. Leicht war die Frage zu beantworten, warum sie gerade nach Wuhan gekommen sei, wenn auch erst – war da etwa ein Anflug von Kritik? – während ihres zwölften Besuchs als Kanzlerin in China. Immerhin: Mit seinen elf Millionen Einwohnern ist das zwei Flugstunden südwestlich Pekings gelegene Wuhan die sechstgrößte Stadt Chinas, gelegen am Fluss Chang Jiang (ehemals Jangtsekiang). Als Merkels Vorvorgänger Helmut Kohl Mitte der achtziger Jahre in Wuhan war, lebten dort drei Millionen Menschen. Es hat den größten chinesischen Binnenhafen und ist der wichtigste Standort der Automobilindustrie Zentralchinas. Als Bildungszentrum kommt Wuhan mit weit mehr als einer Million Studierenden nach Peking und Shanghai.

          Also Grund genug, mal vorbeizuschauen. Zweimal, so erzählte Merkel den Studenten, sei sie in den vorigen Jahren über die Stadt geflogen und habe den Jangtsekiang „und das viele Wasser“ gesehen. Da habe sie gedacht, dass sie mal herkommen müsse. Der Fluss scheint es der Kanzlerin angetan zu haben. Auf dem Weg zur Universität ließ sie die Kolonne auf einer großen Brücke halten (die so lange für den Verkehr gesperrt wurde) und stieg aus. Sie wollte die Stelle sehen, an der Mao Zedong im Alter von 73 Jahren über den Fluss schwamm, um seinen Machtanspruch zu demonstrieren.

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