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Anfrage zu Nationalitäten : AfD provoziert Kunstbetrieb in Baden-Württemberg

Das Staatstheater in Stuttgart: Klare Meinung zur Politik der AfD Bild: dpa

Die AfD will die Nationalitäten der Künstler in Baden-Württemberg wissen und erntet dafür Kritik. Der Intendant des Staatstheaters zieht einen Vergleich, ein Pfarrer veröffentlicht seine DNA-Analyse, und es kommt zu einer Demonstration.

          Es gehört zur Strategie der baden-württembergischen AfD-Landtagsfraktion, die Ministerialverwaltungen mit parlamentarischen Anfragen unter Arbeitsstress zu setzen. Jetzt stellte der AfD-Landtagsabgeordnete Rainer Balzer eine Anfrage, die die Stuttgarter Kulturszene an diesem Samstag zu einer Protestkundgebung in den Schlossgarten treibt. Denn der bildungspolitische Sprecher wollte wissen, welche Staatsangehörigkeiten Sänger und Tänzer an den staatlichen Bühnen haben.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Die AfD wolle einen Überblick bekommen, warum es in den Theatern, Orchestern und Opernhäusern immer weniger „deutsche Absolventen“ gebe, mitnichten wolle man die Kulturlandschaft von Migranten bereinigen. Die AfD schätze ausländische Kulturschaffende, deren Niveau exzellent sei, im Gegensatz zu „manchem Nachwuchs in der baden-württembergischen Kulturszene“, teilte Balzer am Freitag mit. Balzer bestreitet, dass seine Partei „ausländische Künstler“ an deutschen Bühne ablehne, die AfD habe sich aber den „Erhalt deutscher kultureller Werte ganz oben auf ihre Fahnen“ geschrieben. Der AfD-Politiker veröffentlicht regelmäßig auch Youtube-Videos unter dem Titel „Die Symbadische Stimme“, in denen er zum Beispiel den amerikanischen Präsidenten Donald Trump als Vorbild empfiehlt.

          Das baden-württembergische Ministerium für Wissenschaft und Kunst und auch das Staatstheater selbst wollten die Provokation der AfD eigentlich so gut wie möglich ignorieren, aber nachdem das Thema von einigen Medien und in den sozialen Medien thematisiert wurde, war das nicht mehr möglich. „Es ist klar erkennbar, dass mit solchen Anfragen ein anderes gesellschaftliches Klima geschaffen werden soll. Man schafft Unruhe, redet von Krisen, stiftet Verunsicherung, damit das illiberale Gesellschafsmodell der AfD noch stärkeren Zuspruch erfährt“, sagte Marc-Oliver Hendriks, der Geschäftsführende Intendant des Stuttgarter Staatstheater, im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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          Der AfD-Bundestagsabgeordnete Marc Jongen, selbst mit einer Promotion und Mitarbeit an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe im württembergischen Kunstbetrieb groß geworden, verfechte ein „völkisches Kunst- und Kulturverständnis“, an dem sich auch die baden-württembergische AfD-Fraktion orientiere. „Da werden in Berlin von Marc Jongen Thesen formuliert, damit aus den Länderparlamenten geschossen werden kann, um das Theater zu diskreditieren, die Bürger zu verunsichern und um schließlich die Kürzung von Subventionen fordern zu können“, sagte Hendriks. Die Nationalsozialisten seien mit ihrem völkischen Kulturverständnis auch gegen die Staatstheater vorgegangen. Der Intendant verweist auf einen Fall am württembergischen Landestheater aus dem Jahr 1930, als der nationalsozialistische Abgeordnete Christian Mergenthaler gefordert hatte, die Komödie des jüdischen Autors Ossip Dymow „Schatten über Harlem“ abzusetzen, weil es sich um eine „nationale Würdelosigkeit“ und ein „Negerstück“ handle. 1933 wurde der NSDAP-Politiker dann württembergischer Ministerpräsident und Kultminister und leitete die Gleichschaltung in den Schulen ein.

          Mit 1400 Mitarbeitern aus 50 Nationen sind die Staatstheater der größte staatliche Kulturbetrieb in Baden-Württemberg. Im Schlossgarten soll es an diesem Samstag eine Protestaktion gegen die Auflistung von Nationalitäten der Künstler geben. Das Wissenschaftsministerium will die Anfrage umgehend beantworten, allerdings führe man derzeit keine Listen über die Nationalitäten, hieß es.

          Die Gewerkschaft Verdi nannte das Vorgehen der AfD eine „offen rassistische Anfrage“, Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) sprach von einem „Alarmsignal“. Der Stuttgarter Pfarrer Matthias Vosseler beantwortete die Anfrage auf Facebook mit der Veröffentlichung einer DNA-Analyse: er sei zu 36 Prozent Skandinavier, zu 28 Prozent Italiener, etwa zehn Prozent seiner DNA stammten von deutschen Vorfahren und 1,3 Prozent von Verwandten aus Nigeria.

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