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Andrea Nahles : Eine echte Genossin schmeißt hin

Köln 1996: Neben dem damaligen SPD-Parteivorsitzenden Oskar Lafontaine (l.) zeigt sich die damalige Juso-Vorsitzende Andrea Nahles auf dem außerordentlichen SPD-Jugendparteitag in kämpferischer Pose. Bild: dpa

Andrea Nahles ist durch und durch eine Frau der SPD, eine echte Genossin. Und dennoch konnte sie sich nicht genug Unterstützung verschaffen, um sich ganz oben zu halten.

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          Am Sonntag hat Andrea Nahles eine neue Antwort auf eine alte Frage gegeben. Eine Frage, die wohl die meisten Politiker irgendwann mal von Journalisten gestellt bekommen, die sie sich aber sicherlich viel häufiger selber stellen. „Haben Sie schon mal daran gedacht, alles hinzuschmeißen?“, wurde Nahles vor sechs Jahren von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gefragt. Die Antwort jener Frau, die damals SPD-Generalsekretärin war, war eindeutig: „Nein, das ist mir noch nicht passiert.“ Nun also doch.

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Nahles hatte den Satz nicht im Zusammenhang mit einer politischen Krisensituation gesprochen, weder einer persönlichen noch einer ihrer Partei. Sie war zu ihrer Leidenschaft für schnelles Autofahren befragt worden, hatte von Fahrten auf der Rennstrecke Nürburgring in der Nähe ihres Eifler Heimatortes geschwärmt, hatte aber auch von weniger spektakulären Fahrten berichtet, die allerdings ihre Kräfte viel mehr beanspruchten.

          Bekennende Katholikin

          Zwischen der Eifel, der sie sich eng verbunden fühlt, und Berlin, wo ihr beruflicher Lebensmittelpunkt ist, muss die Sozialdemokratin, die zugleich Mutter eines kleinen Mädchens ist, hin und her pendeln. Dass sie offen und öffentlich darüber spricht, wie schwer das für eine Mutter ist, die dabei naturgemäß wichtige Entwicklungen ihres Kindes nicht immer miterleben kann, sagt etwas über das offene Wesen der bekennenden Katholikin Nahles. „Ich bin schon manchmal traurig, dass ich meine Tochter so lange nicht sehe. Tagsüber bin ich abgelenkt, aber abends ist es oft schwierig, da wäre ich lieber zu Hause“, sagte Nahles.

          Andrea Nahles, Jahrgang 1970, Vater Maurer, ist eine komplexe Persönlichkeit. Als linke Sozialdemokratin stieg sie bei den Jusos auf zur Bundesvorsitzenden. Ihr politischer Ziehvater war Oskar Lafontaine, der noch in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts Leitfigur der SPD-Linken war.

          Die Vergänglichkeit der Macht

          Als Lafontaine sich von der SPD trennte und mit einer Parteineugründung von links zum Angriff blies, trennten sich auch seine Wege und die von Nahles. Sie stieg in der SPD auf, wurde Generalsekretärin und trug immer den Wunsch in sich, eines Tages Vorsitzende zu sein. Ihre Wahlergebnisse auf Parteitagen machten jedoch mehrfach deutlich, dass sie nicht der Liebling aller Genossen war. Rund um die 70 Prozent bei Wahlen auf Parteitagen waren die Regel.

          Nahles erlebte aus der Nähe die Vergänglichkeit von Macht in der SPD. Sie beobachtete aus der Nähe, wie Lafontaine Mitte der neunziger Jahre den Vorsitzenden Rudolf Scharping vom Thron stürzte. Sie selbst kandidierte viel später gegen den Generalsekretärskandidaten des Vorsitzenden Franz Müntefering, gewann und verzichtete erschrocken auf das Amt, weil Müntefering als Konsequenz den Parteivorsitz hinwarf.

          Nahles beste Zeit war die in der Bundesregierung, als Arbeitsministerin in der dritten Regierung Merkel. Da erfuhr sie Lob für gute Regierungsarbeit, das selbst bei ihren Kritikern dieser Tage noch durchklingt.

          Obwohl sie eine Frau der Partei ist, eine echte Genossin, hat sie sich in der SPD nie genügend Unterstützung beschaffen können, um sich ganz oben zu halten. Am Sonntag zog sie daraus die Konsequenzen und kündigte ihren Rücktritt von Fraktions- und Parteivorsitz an.

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