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Andrea Nahles : Ganz oben

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Nahles' wichtiger Bündnispartner: Olaf Scholz

Nahles wollte nicht in die Fußstapfen von Heidemarie Wieczorek-Zeul treten, die auch einmal Juso-Vorsitzende war und deren Aufstieg in der Bundespolitik auf das Amt der Entwicklungshilfeministerin begrenzt wurde. Als es im Wahlkampf 2013, den Nahles als SPD-Generalsekretärin zu organisieren hatte, um die künftigen Positionen ging, gab sie Machtansprüche zu erkennen. Wenn sie nicht das Arbeits- und Sozialministerium übertragen bekomme, werde sie dafür sorgen, dass in der Bundestagsfraktion ihre Freunde fordern würden: Nahles an die Fraktionsspitze. Sie erhielt das Ministerium. Fortan hielt sie sich aus den innerparteilichen Querelen heraus – jedenfalls öffentlich.

Die neue Aufgabe war wichtig für sie. Bis dato war Nahles eine SPD-Generalistin gewesen. Sie holte nach, was ihr – in den Augen etwa von Franz Müntefering, der auch einmal Partei- und Fraktionsvorsitzender war – noch fehlte: Die Bewährung auf einem Fachgebiet. Schwierige Verhandlungen hatte Nahles mit der Union zu führen: Rente ab 63, Mütterrente, Mindestlohn. Rasch gab es gute Worte vom Koalitionspartner. Volker Kauder, der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende, würdigte alsbald, auf Nahles könne er sich verlassen. Zusagen halte sie ein. Ihr Wort habe Bestand. Auf der Regierungsbank im Bundestag saß Nahles neben Wolfgang Schäuble, und bisweilen hatte es den Anschein, dass der ältere CDU-Finanzminister und die jüngere Sozialdemokratin Scherze machten, wenn sich Parteifreunde am Rednerpult abmühten. Gut zwei Jahre ist es her, dass Nahles einen Preis („Award zum Politiker des Jahres“) erhielt. Peter Altmaier, der CDU-Kanzleramtsminister, hielt die Laudatio. „Nachgeben“ könne Nahles. So lernfähig sei sie, „dass sie das freie Unternehmertum zur neuen Blüte führen kann“, sagte Altmaier. Ironie und Respekt mischten sich. Nahles aber freute sich, dass Altmaier die Laudatio hielt. Schließlich habe er viel zu tun, und persönlich verstehe sie sich gut mit ihm. Und auch jüngst, als Kauder und sie ein Buch zur Würdigung des verstorbenen früheren SPD-Fraktionsvorsitzenden Peter Struck vorstellte, fanden die beiden nette Worte füreinander. Die Ankündigung der Sozialdemokratin, sie werde bei den Koalitionsgespräch verhandeln bis es „quietscht“, verdarb dem CDU-Politiker nicht die Laune.

Nahles wird – sollte der Koalitionsvertrages durch die SPD-Mitglieder gebilligt werden – einen wichtigen Bündnispartner im Bundeskabinett haben: Olaf Scholz, den künftigen Finanzminister. Auch Scholz war einst ein linker Juso, der dann zum Pragmatiker wurde. Die beiden harmonieren seit langem. Und machtpolitisch ist es für Nahles von Bedeutung, dass Gabriel nicht mehr dem Bundeskabinett angehören wird. Dessen Politikstil war ihr seit langem ein Greuel.

Mit Olaf Scholz, der Finanzminister und Vizekanzler werden soll, versteht sich Andrea Nahles seit langem bestens
Mit Olaf Scholz, der Finanzminister und Vizekanzler werden soll, versteht sich Andrea Nahles seit langem bestens : Bild: AFP

Lange Zeit war Nahles in der SPD verschrien. Weil sie den Sturz von Scharping unterstützt habe – immerhin eines Politikers, der wie sie aus Rheinland-Pfalz stammte. Weil sie Franz Müntefering zum Rücktritt vom Parteivorsitz getrieben habe, als sie sich 2005 im Parteivorstand gegen dessen Kandidaten für das Amt des Generalsekretärs durchgesetzt habe. Weil sie Gerhard Schröder, den bislang letzten SPD-Bundeskanzler, eine „Abrissbirne an der SPD-Programmatik“ genannt habe. Weil sie als eine der wenigen damals den Plan Münteferings und Schröders von 2005, die Bundestagswahl vorzuziehen, vehement kritisiert habe, da die Niederlage abzusehen sei. Doch insgeheim mag sie Schröder geschätzt haben – so wie dieser den SPD-Altkanzler Helmut Schmidt, dessen Politik der Juso-Chef Schröder noch in aller Schärfe attackiert hatte. Von einer Begegnung von Nahles mit Schröder ist bekannt, die beiden seien sich einig gewesen: Aus Juso-Vorsitzenden könne etwas werden, wenn sie die Tricks der innerparteilichen Willensbildung verstünden. Bruder und Schwester im Geiste waren die beiden: Man muss zugreifen, wenn die Situation gekommen ist.

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