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Analphabetismus : Die unsichtbaren Flüchtlingsfrauen

  • -Aktualisiert am

Eine halbe Million Frauen flüchtete zwischen 2012 und 2016 aus Kriegs- und Krisengebieten nach Deutschland. 11 Prozent von ihnen sind Analphabetinnen. Bild: dpa

Viele Flüchtlingsfrauen können nicht lesen und schreiben, sie meiden die Öffentlichkeit. Aber lernen wollen sie gern.

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          Es gibt in Deutschland Frauen, die nicht oder kaum lesen und schreiben können. Viele von ihnen haben einen Migrationshintergrund und leben schon seit Jahren, zum Teil Jahrzehnten hier. Eines beherrschen diese Frauen besonders gut: Sie können sich unsichtbar machen, weil sie sich nichts zutrauen. In der Öffentlichkeit sieht man sie kaum. Sie meiden Elternabende und Behördenbesuche, alles Schriftliche sowieso, sie wissen nicht, wie man eine Bankkarte benutzt oder sich außerhalb des eigenen Stadtviertels zurechtfindet. Also bleiben sie zu Hause. Viele dieser Frauen sprechen kaum Deutsch. Das hat einen Grund, der viel zu wenig beachtet wird: Sie können kein Deutsch, weil sie Analphabeten sind.

          Solange sie in einer Familie leben, sind es in der Regel die Männer, die sich um alle Belange kümmern, für die man lesen, schreiben und auch rechnen muss. Auch das können viele Frauen nicht. Endet diese Fürsorge, weil der Ehemann stirbt oder die Familie verlässt, müssen sie allein zurechtkommen. Hilfe bekommen sie dann in manchen Frauenzentren. Die Mitarbeiterinnen wissen, wie mühsam es für die Frauen ist, ganz von vorne anzufangen. Schon die Wohnungssuche mit ihren bürokratischen Anforderungen ist ein fast unüberwindbares Hindernis. In den Frauenzentren fällt oft das Wort von „struktureller Gewalt“. Damit meinen die Helferinnen, dass viele ihrer Schutzbefohlenen nicht die Möglichkeit hatten, die Fertigkeiten zu erlernen, die sie in Deutschland brauchen.

          Um solche Leidenswege künftig zu verhindern, lohnt sich ein Blick auf den Bildungshorizont der Frauen, die in den vergangenen Jahren als Flüchtlinge aus Kriegs- und Krisengebieten nach Deutschland gekommen sind. Zwischen 2012 und 2016 war das immerhin eine halbe Million. Die wenigsten von ihnen können Deutsch. Oft kommen sie aus Ländern, in denen die Lage der Frau schlecht ist, ganz besonders ihre Bildungschancen. Und das hat gravierende Folgen. Denn Frauen, die niemals eine Schule besucht haben, finden sich kaum in Kursen zurecht, die ihnen hier angeboten werden. Wer niemals eine Schrift gelernt hat, nicht mal die, in der er spricht, lernt nur mit großer Mühe eine fremde Schrift. Das betrifft natürlich Frauen wie Männer. Doch aktuelle Studien belegen nun mit Zahlen, dass geflüchtete Frauen wesentlich größere Hürden zu überwinden haben.

          Lernen ohne Druck

          Dabei ergibt sich ein einheitliches Bild. Viele Frauen drohen an der Sprache zu scheitern, die Männer weniger: Elf Prozent der Frauen sind Analphabeten, und 17 Prozent haben nie eine Schule besucht, bei den Männern sind es nur sieben und neun Prozent. Und die Mehrzahl aller Frauen war noch nie erwerbstätig, sogar unter den Syrerinnen, deren Bildungsniveau fast dem der Männer entspricht. Selbst wenn sie eine Ausbildung haben, verfügen sie nicht über Berufserfahrung.

          All das sind erhebliche Nachteile für Frauen, die in Deutschland bleiben wollen. Dazu kommt, dass sie in einer anderen Lage sind als Männer. Während die oft allein kommen, flüchten die Frauen mit der Familie oder werden nachgeholt. Die Männer sind oft alleinstehend, während die Frauen in der Regel Mütter sind. Viele von ihnen haben zwei bis drei Kinder. Diese Umstände spiegeln sich in den Besuchen der Integrationskurse wider. Sie werden weniger häufig von Frauen besucht. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hat darauf schon reagiert und Elternkurse sowie Möglichkeiten zur Kinderbetreuung eingerichtet.

          Während die Frauen, die lesen und schreiben können, die Sprachtests häufig bestehen, bleiben die übrigen unter dem Radar. Unter ihnen steigt allerdings das Interesse an einem ganz bestimmten Kurs. Es geht um den sogenannten niederschwelligen Frauenkurs, der schon seit 2005 vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge angeboten wird. Hier gibt es weder Bedingungen für die Teilnahme noch Prüfungen. Die Frauen sollen keine Angst haben, zu scheitern, und erst mal Selbstvertrauen entwickeln. Seit 2015 wurden die Mittel für das Bildungsangebot verdreifacht auf mehr als zwei Millionen Euro in diesem Jahr. Es umfasst zweitausend Kurse, die meisten gibt es in Nordrhein-Westfalen und Hessen. Sie bieten in zwanzig Stunden eine erste Orientierung, die für den Alltag in Deutschland wichtig sind. Die Frauen lernen zum Beispiel etwas über ihren neuen Stadtteil, wie die deutsche Gesundheitsversorgung funktioniert und das Schulsystem, wo sie Schutz vor häuslicher Gewalt finden, wie man Bus fährt und ein Konto eröffnet. Fünf solcher Kurse dürfen sie besuchen. Den Druck, einen Sprachtest zu bestehen wie in den Integrationskursen, haben sie nicht.

          Die Selbsteinschätzung der Teilnehmerinnen zeigt ein Muster: Die meisten starten hochmotiviert, doch im zweiten Kurs sinkt die Begeisterung auf einen Tiefpunkt. Ab dem dritten Kurs steigt sie wieder. Eine Erklärung dafür könnte sein, dass ihnen bisher kaum klar war, welche Herausforderungen das Leben in Deutschland an sie stellt. Die Frauen, die fünf Kurse durchgehalten haben, sind dann jedoch zuversichtlich: Sie sagen, nun würden sie sich zutrauen, allein zum Elternabend, zu Behörden oder zum Arzt zu gehen, sich mit Deutschen zu unterhalten und auch an schwierigen Kursen teilzunehmen. Doch wie viele am Ende einen Sprachtest bestehen, ist bisher nicht abgefragt worden. Dabei wäre es gut, wenn gerade diese Frauen sichtbar würden.

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