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Kriminalität im Osten : An der Grenze

Selbst ist der Bürger: So wie hier in Brandenburg, bilden sich auch in Sachsen „Bürgerstreifen“, die gegen Grenzkriminalität vorgehen wollen. Bild: dpa

Einbruch und Diebstahl nehmen an Deutschlands Ostgrenze weiter zu. Doch die Polizei zieht sich schleichend zurück. Anwohner laufen selbst Streife. Und ein CDU-Mann stellt gleich das ganze Schengen-Abkommen in Frage.

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          Der Einbruch geschah am zweiten Weihnachtstag. Die Diebe zerstörten ein Fenster und stiegen von hinten in die Reparaturhalle für Autos und Lastwagen. Sie klauten Handys und Navigationsgeräte aus vier Fahrzeugen, mehrere Werkzeugkästen und literweise Treibstoff. Dann spazierten sie zum Haupteingang wieder hinaus. Eine Nachbarin sah das offene Tor und informierte den Inhaber der Werkstatt. Als Bernd Seidel 20 Minuten später eintraf, blickte er ins Chaos: Schubladen lagen auf dem Fußboden, Schränke waren umgestoßen, Werkbänke umgekippt. „Aus den Lkw-Tanks hingen Abzapfschläuche“, erzählt Seidel. „Die haben die nicht mal rausgenommen, der Hallen-Fußboden war voller Diesel. Kriegen Sie das mal wieder sauber!“

          Stefan Locke
          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Seidel ist ein besonnener Typ, er ist Schlosser, Handwerker mit Leib und Seele. Er führt einen kleinen Reparaturbetrieb für Nutzfahrzeuge in Rothenburg im Landkreis Görlitz. Jetzt macht er sich um die Zukunft Sorgen. Denn die Täter kamen binnen weniger Wochen noch dreimal wieder. „Ende Januar hatten wir nichts mehr, keinen Schlagbohrer, keinen Winkelschleifer, keinen Inbusschlüssel. Es war alles weg.“ Gegenstände im Wert von 10.000 Euro, dazu die Reparaturkosten für eingeworfene Fenster und zerstörtes Inventar. Die Schäden an den Kundenfahrzeugen noch obenauf.

          Seit der Grenzöffnung nehmen Einbruch und Diebstahl zu

          Insgesamt 34 Mal schlugen Diebe im Januar in Rothenburg zu. Außer Firmen brachen sie auch Privatautos und Lauben auf. Sie stahlen Schrott, Fahrräder und Gartengeräte. Eine Umfrage der Handwerkskammer Dresden im vergangenen Jahr ergab, dass die Schäden durch Kriminalität im Kreis Görlitz doppelt so hoch sind wie in anderen Regionen.

          Die Rothenburger Diebe wurden bisher nicht gefasst. Bernd Seidel ahnt, woher sie kamen. Leere Dieselkanister und einen Handwagen aus seinem Betrieb fand er ein paar hundert Meter weiter im Wald versteckt. In der Nähe fließt die Neiße, auf der anderen Seite ist Polen. Seidel sagt, er schere nicht alle Polen über einen Kamm, im Gegenteil. Doch er fragt sich, warum die Leute hier in der Region die Nachteile des Projekts Europa tragen müssen. Als die Grenzen öffneten, war ihnen doch Sicherheit versprochen worden.

          Dass Einbruch und Diebstahl seit der Grenzöffnung zunehmen, ist lange bekannt. Seit drei Jahren lassen sich die Zustände auch politisch nicht mehr verschweigen. So weist Sachsens Kriminalstatistik für 2014 abermals eine wachsende Zahl von Straftaten im Grenzbereich aus. Allein an der Grenze zu Polen stieg sie im Vergleich zu 2013 um fast elf Prozent. Gut die Hälfte wurde aufgeklärt. Der Anteil ausländischer Straftäter in der Grenzregion lag im vergangenen Jahr bei knapp 25 Prozent, die meisten davon waren Polen.

          Bundespolizei baut Stellen ab

          Die Entwicklung trifft vor allem die Grenzregion, macht aber dort nicht halt. Internationale Banden gehen in Großstädten und entlang der Autobahnen auf Diebestour. Die Beute: Autos, Handys und Computer. Sie werden über die Grenze gebracht, zerlegt oder im Ganzen weiterverkauft. Die Täter werden selten gefunden.

          Und die Polizei? „Sie ist heute viel weniger zu sehen als früher“, sagt Bernd Seidel. Das sagt im Grunde jeder in der Region. Früher, das war vor 2004, als es Grenzkontrollen gab und Bundesgrenzschutz und Zoll Streife fuhren. Seitdem baut die Bundespolizei hier Personal ab. Anfangs blieben die Beamten noch formal an der Grenze stationiert, wurden aber häufig zu Einsätzen an Flughäfen in Frankfurt, München und Berlin abgeordnet. Wie viele das waren, wollte das Bundespolizeipräsidium in Potsdam nicht mitteilen.

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