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Amnesty International : Idealismus ist blind für Kompromisse

Ein Protest von Amnesty International, 100 Tage nach dem Amtsantritt Donald Trumps. Bild: dpa

John Dalhuisen arbeitete zehn Jahre als wichtiger Mann bei Amnesty International. Dann stieg er aus. Heute glaubt er, dass die Menschenrechtsaktivisten der guten Sache oft eher schaden als nützen.

          Es ist John Dalhuisen nicht leichtgefallen, seinen Job bei Amnesty International zu kündigen. Zehn Jahre hatte er für die bekannteste Menschenrechtsorganisation der Welt gearbeitet, und es waren zehn gute Jahre. Zuletzt war er Direktor der Abteilung für Europa und Zentralasien, zuständig für ein Gebiet von Lissabon bis Wladiwostok. Im Namen von mehr als zwei Millionen Amnesty-Mitgliedern bestimmte er über den Kurs der Organisation mit, traf Minister, manchmal auch Regierungschefs oder Präsidenten. Ihm war ein hohes Glück beschieden: Er ging in seinem Beruf auf. Er glaubte an das, was er tat.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Dalhuisen stammt aus einer Rechtsanwaltsdynastie, sein Großvater war Juraprofessor in Südafrika, bei ihm lernten führende Köpfe der Anti-Apartheid-Bewegung, auch Nelson Mandela. „Als ich zu Amnesty kam, empfand ich höchsten Respekt für die Leute dort“, sagt Dalhuisen. Immer wieder macht er im Gespräch deutlich, dass sich an seiner Hochachtung für die einstigen Kollegen bei Amnesty nichts geändert habe. Das seien Menschen von hoher persönlicher Integrität, die sich für eine gute Sache engagierten. Gekündigt hat John Dalhuisen trotzdem. Für eine Antwort auf die Frage, warum, braucht er drei Stunden. In diesen Stunden fallen Sätze wie: „Ich denke, viele Menschenrechtler stellen die falschen moralischen Überlegungen an. Nicht, weil sie böse sind – sondern weil sie falsch rechnen.“

          Dalhuisen neigt nicht zur Rechthaberei. Er leitet seine Antworten gern mit Fragen oder Relativierungen ein, wirkt selbstkritisch, fast vergrübelt. Meist nimmt er erst einige Sätze lang Anlauf, bis er sich zu einer Feststellung durchringt. Die weicht dann allerdings oft deutlich von den Ansichten ab, die bei seinem früheren Arbeitgeber gängig sind und die er, wenn auch mit immer geringerer Überzeugung, vor einem Jahr noch selbst vertreten hat. Es war die Migrationsdebatte, die bei Dalhuisen die Frage aufkommen ließ, ob die Menschenrechtsbewegung das Ausmaß der Herausforderung begriffen habe, vor der sie stehe – und ob Amnesty noch der richtige Arbeitgeber für ihn sei. „Viele Europäer hat die Ankunft einer großen Zahl von Migranten in den vergangenen Jahren verunsichert. Diese grundlegende Tatsache sollte niemand ignorieren. Die Menschenrechtsbewegung neigt aber dazu, das zu tun“, meint Dalhuisen.

          Der Kompromiss als Lösung

          Viele Aktivisten der Menschenrechtsbewegung litten an einem Mangel, der ihnen nicht einmal bewusst sei: „Sie sind derart überzeugt davon, recht zu haben, dass sie kaum einzusehen vermögen, warum sie Unrecht haben könnten. Kompromisse gelten ihnen als schmutzig. Dabei sind sie mitunter die bestmögliche Lösung.“ Nur brauche es einen gewissen Mut, um sich einzugestehen, dass Kompromisse nicht zwangsläufig schäbig sein müssen. Mut, an dem es bei Amnesty mangele.

          Das hat Folgen. Denn was geschieht, wenn eine wachsende Mehrheit der Bürger einen zentralen Teil der Werte ablehnt, für deren Durchsetzung Organisationen wie Amnesty, „Human Rights Watch“ oder „Ärzte ohne Grenzen“ in den vergangenen Jahrzehnten ziemlich erfolgreich gekämpft haben? „Das größte Problem für die Menschenrechtsbewegung ist heute nicht, dass sie nicht bekommt, was sie fordert – sondern dass sie am Ende mit viel weniger dasteht als zuvor. Die Gefahr liegt nicht darin, dass etablierte Parteien die Migrationspolitik nicht übernehmen, die Menschenrechtler propagieren – sondern dass hinter diesen Parteien politische Kräfte erstarken, die bestehende Menschenrechte systematisch abbauen wollen.“

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