https://www.faz.net/-gpf-a1v6k
Bildbeschreibung einblenden

Amerikas Truppenabzug : Zwischen Schock und Hoffnung

Amerikanische Soldaten trainieren in Grafenwöhr in Bayern. Bild: Picture-Alliance

Der Truppenabzug aus Deutschland versetzt die Landesregierungen in Bayern, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz in Sorge. Können sie Washington doch noch umstimmen?

          4 Min.

          Als Landesinnenminister Roger Lewentz zuletzt mit einer Delegation aus Rheinland-Pfalz in Washington war, begegnete er einem General, der nach dem feierlichen Teil seine Jacke aufknöpfte. Lewentz war etwas überrascht. Der Mann trug unter der Uniform das Trikot des 1. FC Kaiserslautern. Während seiner Zeit am Rande des Pfälzer Waldes hatte der Soldat in Kaiserslautern Fußball gespielt. Es gebe viele ehemals in Rheinland-Pfalz Stationierte im amerikanischen Militär, die ein besonderes Verhältnis zu seinem Bundesland hätten, ist sich der Innenminister aus Mainz sicher.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Timo Steppat

          Redakteur in der Politik.

          Der SPD-Politiker Lewentz strahlt Zuversicht aus. Das amerikanische Verteidigungsministerium hatte zwar am Mittwoch eine Truppenverlegung angekündigt, die neben Standorten in Bayern und Baden-Württemberg auch die Air Force Base in Spangdahlem in der Eifel treffen würde. In Mainz hat man die Pressekonferenz des Verteidigungsministeriums aber genau verfolgt. Zum einen sind die amerikanischen Stützpunkte Ramstein und Baumholder im Bundesland nicht betroffen, zum anderen war die Rede davon, dass lediglich Piloten, Flugzeuge und Mechaniker aus Spangdahlem abgezogen werden sollten.

          Lewentz wertet das als Signal für den Erhalt des Standorts, der bislang als Ausweichmöglichkeit für die Luftwaffe in Ramstein gilt. Gegen eine komplette Schließung spricht auch, dass die amerikanische Regierung in den vergangenen 15 Jahren nach Angaben der rheinland-pfälzischen Landesregierung 400 Millionen Dollar in die Luftwaffenbasis investiert habe, zuletzt 87 Millionen Dollar. „Wenn ich Abgeordneter im Kongress wäre, würde ich es mir genau überlegen, in einer wirtschaftlich so schwierigen Zeit einen neuen Standort in Italien aufzubauen“, sagt Lewentz der F.A.Z.

          Wie viel bleibt, wenn die F-16-Flugstaffel abgezogen wird?

          Auch der Bundestagsabgeordnete Patrick Schnieder (CDU), dessen Wahlkreis Bitburg auch Spangdahlem umfasst, sagt, dass der Schritt sicherheitspolitisch wenig Sinn mache und den amerikanischen Steuerzahler viel Geld koste. „Trotzdem müssen wir das ernst nehmen und jetzt schon Konzepte zur Umnutzung entwickeln“, sagt Schnieder. Sollte es zum Abzug der F-16-Flugstaffel kommen, bleibe nicht viel. Eine Umnutzung, wie sie auf dem ehemaligen amerikanischen Militärgelände in Bitburg gelungen sei, könnte sich in Spangdahlem schwieriger gestalten.

          Es geht um knapp tausend Arbeitsplätze auf der Basis, aber auch Metzger, Autohändler und Vermieter, die in der wirtschaftlich schwachen Region bislang vor allem von den Soldaten leben. Lewentz dringt darauf, den Standort Spangdahlem nicht zu zerfleddern. In Mainz spekuliert man auch darauf, dass der Umzug einer Flugstaffel nach Italien seine Zeit brauche, bis dahin ist der amerikanische Wahlkampf vorbei, und eine andere Regierung könnte ganz anders denken.

          F.A.Z.-Newsletter für Deutschland

          Jeden Morgen ordnen unsere Redakteure die wichtigsten Themen des Tages ein. Relevant, aktuell und unterhaltsam.

          Bitte beachten Sie unsere Datenschutzhinweise.

          Ähnliche Hoffnungen gibt es in Stuttgart. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) fürchtet, dass durch den Abzug der amerikanischen Militärkommandos aus Stuttgart „ein emotionales Band“ zwischen deutschen und amerikanischen Bürgern zerschnitten und die „transatlantischen Beziehungen“ gestört werden könnten. „Wir hoffen, dass der Appell der Ministerpräsidenten aus den vier betroffenen Bundesländern Hessen, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Bayern an die Abgeordneten des amerikanischen Kongresses Gehör findet. Vielleicht könnte ja auch ein neuer amerikanischer Präsident die Entscheidung revidieren“, sagt Kretschmann der F.A.Z.

          Stuttgart einer der wichtigsten Kommandostützpunkte

          Die wirtschaftlichen Auswirkungen für die Verlegung der Standorte dürften relativ gering sein, für die im mittleren Neckarraum intensiv gepflegten deutsch-amerikanischen Beziehungen ist der Abzug der Kommandos ein schwerer Schlag: Denn in der Region gibt es kaum einen Autozulieferer oder Weltmarktführer im Maschinenbau, der nicht für den amerikanischen Markt produziert oder der in den Vereinigten Staaten Produktionsstätten betreibt.

          Weitere Themen

          Anklagen nach Geldwäscheskandal in Mainz

          North Channel Bank : Anklagen nach Geldwäscheskandal in Mainz

          Frühere Manager und Mitarbeiter der North Channel Bank sollen 160 Millionen Euro aus Cum-Ex-Geschäften verschleiert haben, glaubt die Staatsanwaltschaft. Die kleine Privatbank aus Mainz spielt eine wichtige Rolle im größten Steuerbetrug in Dänemark.

          Topmeldungen

           Eine Mitarbeiterin des Instituts für Infektiologie Emilio Ribas zeigt den Impfstoff gegen SARS-CoV-2 des chinesischen Pharmakonzerns Sinovac.

          „Versehen“ des RKI : Das Wumms-Papier aus der Berliner Corona-Zentrale

          Impfung im Herbst – das Schicksal meint es wirklich gut mit den Deutschen, so musste man das neue Positionspapier des Robert-Koch-Instituts zur Corona-Strategie deuten. Bis der Traum ganz schnell zerplatzte.

          Wieder Proteste : Belarus trotzt der Polizeigewalt

          In den vergangenen Nächten ließ Lukaschenka Proteste gegen seinen angeblichen Wahlsieg brutal niedergeschlagen, dennoch gehen auch am Mittwoch wieder Tausende auf die Straße. Nun gibt es ein zweites Todesopfer.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.