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Flughafen von Kabul : Amerikaner fliegen 150 Personen mit Deutschlandbezug aus

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Landstuhl: Ein Opfer des Anschlags in der Nähe des Flughafens Kabul wird am Freitag von Soldaten im Krankenhaus empfangen, um medizinisch versorgt zu werden. Bild: dpa

Nach dem Ende der deutschen Evakuierungsflüge haben die Amerikaner laut Diplomaten rund 150 Personen mit Deutschlandbezug ausgeflogen. Wenn am Montag der UN-Sicherheitsrat tagt, soll über eine „sichere Zone“ in Kabul beraten werden.

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          Die amerikanischen Truppen am Flughafen von Kabul haben nach Angaben aus Diplomatenkreisen in der Nacht zum Sonntag auch knapp 150 Personen mit Deutschlandbezug aus Kabul ausgeflogen. Darunter seien sowohl frühere Ortskräfte als auch Mitarbeiter einer Firma in Deutschland gewesen, hieß es.

          Bei den Evakuierungsflügen der Bundeswehr wurden laut einem aktuellen Zeitungsbericht offenbar nur wenige Ortskräfte der Deutschen aus Afghanistan in Sicherheit gebracht. Entsprechende erste Zahlen habe das Bundesinnenministerium in dieser Woche unter anderem im Bundestag vorgestellt, berichtete die Zeitung Welt am Sonntag. Demnach befanden sich unter den bis Mitte der Woche etwa 4500 Ausgeflogenen nur etwas mehr als hundert Ortskräfte mit ihren Familien. Insgesamt habe diese Gruppe rund 500 der 4500 ausgeflogenen Menschen ausgemacht.

          Angesichts der unübersichtlichen Evakuierungen aus Kabul werde allerdings davon ausgegangen, dass sich mehrere Ortskräfte derzeit womöglich noch in anderen europäischen Ländern aufhielten, hieß es weiter. Eine Anfrage der Zeitung dazu habe das Bundesinnenministerium unbeantwortet gelassen.

          Macron fordert „sichere Zone“ in Kabul

          Frankreich und Großbritannien wollen sich am Montag bei den Vereinten Nationen für die Schaffung einer „sicheren Zone“ in der afghanischen Hauptstadt Kabul einsetzen, um humanitäre Einsätze fortsetzen zu können. Das kündigte der französische Präsident Emmanuel Macron in einem Interview mit der Zeitung Journal du Dimanche an. Die fünf ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrats (Frankreich, Großbritannien, die Vereinigten Staaten, Russland und China) beraten am Montag über die Lage in Afghanistan.

          London und Paris arbeiten laut Macron an einem Resolutionsentwurf, der darauf zielt, eine geschützte Zone „unter Kontrolle der UNO in Kabul zu definieren“. Dies könne einen UN-Rahmen für Notfälle schaffen, Zuständigkeiten klären und „es der internationalen Gemeinschaft erlauben, Druck auf die Taliban aufrechtzuerhalten“, sagte Macron.

          Der französische Präsident Emmanuel Macron am Sonntagmorgen am Flughafen von Erbil im Irak
          Der französische Präsident Emmanuel Macron am Sonntagmorgen am Flughafen von Erbil im Irak : Bild: AP

          Die internationale Evakuierungsmission, die nach der Machtübernahme der Taliban Mitte August eingeleitet wurde, um Ausländer und gefährdete Afghanen auszufliegen, geht in diesen Tagen zu Ende. Frankreich beendete seine Evakuierungsflüge am Freitag, Großbritannien am Samstag.

          Johnson würdigt Einsatz

          Premierminister Boris Johnson Bilanz zog eine Bilanz des britischen Einsatzes. „Ihr Leid und Ihre Entbehrungen waren nicht vergeblich“, sagte Johnson an die Hinterbliebenen getöteter Militärangehöriger gerichtet. Es sei kein Zufall, dass in den vergangenen zwei Jahrzehnten kein westliches Land zum Ziel von in Afghanistan geplanten Terrorangriffen geworden sei.

          „Das haben wir der Tapferkeit unserer Streitkräfte zu verdanken, die gekämpft haben, um die Netzwerke (Osama) bin Ladins auszuschalten“, so Johnson in einer Videobotschaft, die am Sonntag per Twitter veröffentlicht wurde. Zudem seien 3,6 Millionen Mädchen in den Genuss von Bildung gekommen. „Was auch immer die Zukunft für Afghanistan bringen mag, werden sie dieses Geschenk für den Rest ihres Lebens haben“, so Johnson. Nach Angaben der Vereinigten Staaten haben mehr als 112.000 Menschen über die von den Amerikanern koordinierte Luftbrücke verlassen.

          Außenminister Heiko Maas kündigte unterdessen an, er werde in den Nachbarstaaten Afghanistans für die Aufnahme afghanischer Flüchtlinge werben, die nach Deutschland weiterreisen wollen. Die Bundesregierung werde sich auch nach dem Ende der Luftbrücke aus dem Flughafen Kabul um Deutsche, afghanische Ortskräfte und schutzbedürftige Menschen kümmern, sagte Maas am Sonntag vor dem Abflug in die Türkei, die für den Weiterbetrieb des Flughafens in Kabul und die Aufnahme von Flüchtlingen große Bedeutung hat. Anschließend reist Maas nach Usbekistan, Tadschikistan, Pakistan und Qatar.

          Maas: Lage extrem gefährlich

          Zudem gehe es um die Frage, wie am Flughafen in Kabul schnell wieder ein ziviler Betrieb ermöglicht werden könne, sagte Maas. Dazu zähle auch ein abgestimmtes internationales Auftreten gegenüber den Taliban. Deutschland wolle den Nachbarstaaten auch anbieten, ihnen bei der Bewältigung der humanitären und wirtschaftlichen Folgen zu helfen. „Es ist in unserem eigenen Interesse zu verhindern, dass der Kollaps in Afghanistan die ganze Region destabilisiert.“ Es gebe in Kabul und Afghanistan noch immer „unzählige Menschen“, die auf eine Ausreise hofften.

          „Die Lage in Afghanistan ist extrem unbeständig und gefährlich“, sagte der SPD-Politiker unter Verweis auf den Anschlag am Kabuler Flughafen. Es sei ein machtpolitisches Vakuum entstanden, in das nun „mit erschreckender Geschwindigkeit“ die radikalislamische Miliz IS und andere Terroristen hineinstrebten.

          Auf den Ausreiselisten des Auswärtigen Amts stehen weiterhin mehr als 10 000 Menschen in Afghanistan, darunter 300 Deutsche. Die Bundesregierung bemüht sich nun um eine sichere Ausreise auf dem Landweg und den Weiterbetrieb des Flughafens in Kabul. Darüber wird mit den Taliban verhandelt.

          Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) will unterdessen im Fall neuer großer Fluchtbewegungen verschärfte Grenzkontrollen durchführen lassen. Seehofer sagte der Zeitung Bild am Sonntag: „Wir werden alles daran setzen, um den unkontrollierten Zuzug von Migranten nach Europa zu verhindern.“ Deshalb würden die Flüchtlingsbewegungen aus Afghanistan und anderen Ländern der Region, wie Syrien und Irak sehr genau beobachtet. „Notfalls werden wir die Kontrollmaßnahmen an unsere Grenzen verschärfen. Nicht jeder, der in unser Land will, darf einreisen."

          Sieben Afghanen sind nach den Evakuierungsflügen der Bundeswehr aus Kabul in Deutschland bei Kontrollen den Sicherheitsbehörden aufgefallen. Einer sitzt in Haft, zwei befinden sich noch in der Obhut der Polizei am Flughafen. „Drei hatten gefälschte Dokumente dabei, und vier waren schon einmal als Straftäter von Deutschland nach Afghanistan abgeschoben worden. Dabei handelte es sich um schwere Straftaten."

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