https://www.faz.net/-gpf-15v4z

Amelie Fried über die Odenwaldschule : Die rettende Hölle

  • -Aktualisiert am

Fried besuchte in den 70er Jahren die Odenwaldschule Bild: ddp

Zum hundertjährigen Bestehen der Odenwaldschule sollte die Schriftstellerin Amelie Fried ihre Erinnerungen an ihre Zeit in der „OSO“ aufschreiben. Im Laufe dieser Woche erhielt sie zahlreiche Briefe ehemaliger Mitschüler. Was sie darin erfahren hat, ließ ihr keine Ruhe mehr. Hier sind ihre Erinnerungen.

          9 Min.

          „Die OSO hat mir das Leben gerettet.“ Diesen Satz habe ich in den letzten Tagen dreimal gehört. Zweimal von Mitschülern, die auf der Odenwaldschule Opfer sexuellen Missbrauchs wurden. Als ich ungläubig nachfragte, sagten beide: „Zu Hause wäre es noch schlimmer gewesen.“ Diese furchtbare Ambivalenz ist bezeichnend für das, was viele auf der OSO erlebt haben. Manche kamen aus der Hölle - und gerieten in die nächste. Und manche glaubten, im Paradies gewesen zu sein, und müssen heute begreifen, dass sie sich getäuscht haben.

          Für einen Sammelband, der anlässlich des hundertjährigen Bestehens der OSO erscheint, sollte ich meine Erinnerungen aufschreiben. Schnell wurde mir klar, dass ich eigentlich zwei Texte schreiben müsste. Im ersten Text würde ich erzählen, wie leidenschaftlich gern ich auf der Odenwaldschule war. Wie sehr ich diese Schule mit ihrer lebendigen Mischung von Schüler- und Lehrerpersönlichkeiten, ihren Lern- und Freizeitangeboten und ihrer großen Freiheit geliebt habe. Ich war elf, als ich dorthin kam.

          Es war noch viel aufregender als erwartet

          Die Lektüre sämtlicher Hanni-und-Nanni-Bücher hatte den dringenden Wunsch in mir geweckt, im Internat zu leben. Das schien deutlich aufregender zu sein als das Leben in Ulm, in einer bildungsbürgerlichen Familie mit zwei nervigen, kleinen Brüdern und Eltern, die vom Freiheitsdrang ihrer Tochter überfordert waren. Tatsächlich war es noch viel aufregender als erwartet, denn es gab - anders als bei Hanni und Nanni - in der OSO auch Jungen, und für die begann ich mich gerade zu interessieren.

          Schriftstellerin Amelie Fried über die zwei Seiten der Odenwaldschule
          Schriftstellerin Amelie Fried über die zwei Seiten der Odenwaldschule :

          Ich würde mich erinnern, wie ich in Stephan verliebt war, der mir selbstgebrauten Apfelsinenwein schenkte, der dann in meinem Zimmer explodierte. Und wie ich Christoph, nachdem er mich monatelang gemobbt hatte, vor der ganzen Klasse verprügelte - worauf er mir nicht mehr von der Seite wich. Ich könnte von Thomas erzählen, der sich mehr für Fußball als für mich interessierte, und von Hajo, der so groß war, dass ich auf einen Hocker steigen musste, um ihn zu küssen. Ich könnte von den Liebespärchen erzählen, die Hand in Hand übers Schulgelände schlenderten, und davon, dass ein einfaches Stopp-Schild an der Tür genügte, um jedem - auch den Lehrern - zu signalisieren, dass hier nicht gestört werden durfte.

          Ich würde davon erzählen, wie toll es war, in sogenannten „Familien“ unter gleichaltrigen „Kameraden“ zu leben, Tür an Tür mit Lehrern, die man duzen durfte und die uns sonntags zum Frühstück in ihre Wohnung einluden. Die uns ernst nahmen, mit uns diskutierten, uns herausforderten. Wie begeistert ich war, als ein Lehrer uns Rosa von Praunheims Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ zeigte und mit uns darüber sprach. So aufgeklärte, fortschrittliche Lehrer hatte ich! Hier war ich richtig, hier bekam mein rebellischer Geist die Nahrung, die er suchte.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Eine überwältigende Mehrheit der Republikaner im Senat steht hinter Donald Trump und hat gegen die Fortsetzung des Amtsenthebungsverfahren gegen ihn gestimmt.

          Verfahren gegen Trump : Fast alle Republikaner im Senat gegen Impeachment

          Nur fünf republikanische Senatoren stimmen mit den 50 Demokraten für den Fortgang des Amtsenthebungsverfahrens gegen den früheren amerikanischen Präsidenten. Die anderen halten es für verfassungswidrig. Damit wird eine Verurteilung extrem unwahrscheinlich.
          Unsere Autorin: Manon Priebe

          F.A.Z.-Newsletter : Gedenken und neue Homeoffice-Regeln

          Deutschland gedenkt der Opfer des Nationalsozialismus. Die Homeoffice-Verordnung tritt in Kraft. Und die EU-Kommission lädt Astra-Zeneca zur Krisensitzung. Der F.A.Z.-Newsletter

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.