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Nach Gewalt in Amberg : Die verunsicherte Stadt

Der Marktplatz von Amberg Bild: dpa

Prügelnde Asylbewerber, die Debatte um rechte Bürgerwehren – politisch geht es in Amberg gerade hoch her. Die Bürger sind in ihrer Einschätzung der Lage gespalten.

          Der Übertragungswagen vom Bayerischen Rundfunk vor dem Rathaus passt nicht zu den leeren Straßen. Die Weihnachtsbeleuchtung und die mittelalterlichen Häuser wirken gemütlich, nichts deutet darauf hin, dass es etwas zu berichten gäbe. Ganz spurlos ist der Angriff der vier Asylbewerber auf zwölf Passanten vor einigen Tagen aber nicht an der Hochschulstadt vorbeigegangen. Denn auch wenn fast niemand an diesem Abend auf den Straßen Ambergs unterwegs ist – alle paar Minuten patrouillieren kleine Gruppen von Polizeibeamten durch die Gassen. Sie gehören zum verstärkten Polizeiaufgebot.

          Michael Cerny, CSU-Oberbürgermeister der oberpfälzischen Kleinstadt, lächelt erschöpft. Langsam klingt die Aufregung ab, die zuerst um die Angriffe und danach um die vier NPD-Mitglieder aus Nürnberg entstanden ist, die zum Aufbau von „Schutzzonen“ aufriefen und durch Amberg zogen. Eigentlich würde Cerny gern über das Luftkunstmuseum oder die international erfolgreiche Industrie seiner Stadt reden. Aber er muss sich nun mit kriminellen Ausländern und Rechten herumschlagen. „Das passt nicht zu uns“, sagt er.

          Eigentlich ist alles so gelaufen, wie es nach einer schweren Straftat laufen muss: Die Polizei fasste die mutmaßlichen Täter schnell, sie kamen in Untersuchungshaft. Nun erwarten sie ihren Prozess. Trotzdem sind viele Bürger verunsichert. „Durch die Unterführung am Bahnhof gehe ich nicht mehr, sie ist schlecht einzusehen und da steht oft eine ganze Traube Asylbewerber. Das hat mir mein Mann verboten. Man muss es ja nicht herausfordern“, sagt eine Mitarbeiterin im Rathaus. Das sei aber schon vor dem Angriff so gewesen. Amberg ist kein Brennpunkt. Cerny sagt sogar, dass es eine der sichersten Gemeinden in Bayern ist – den Statistiken zufolge. Doch wenn es um die Gefühle der Bewohner geht, dann spielen die Zahlen eine untergeordnete Rolle.

          „Wird alles hochgekocht“

          Amberg ist geteilt. In den Bars drehen sich die Gespräche um Wohnungen, Freunde oder den Nebenjob. Der Mann am Tresen des „Colomba“ schafft es, seine Verabredung mit Geschichten vom Hund seiner Schwester zu langweilen. Ein älterer Amberger, der sich am Donnerstagabend mit Freunden im Wirtshaus Schießl trifft, sagt: „Die Attacken sind eigentlich kein Thema, weder die Angreifer noch die Rechten kamen aus Amberg. Die sind einfach nur zufällig hier her gekommen und haben marodiert, und die Rechten sind durchgelaufen.“

          Das ist die eine Sichtweise; die andere lautet: Amberg sei nicht sicher. Am späteren Abend sind zwei junge Frauen auf der Straße vom Bahnhof hinunter unterwegs, der Wind schneidet durch die Gassen. „Ist wie immer“, sagt die eine. Sie kennt die Orte in ihrer Stadt, von denen sie sich lieber fernhält. Und ja, es seien fast immer Ausländer, die Probleme machten. Ein paar Raucher vor der Bar „Lieblingsplatz“ sind ganz entspannt. Wird alles hochgekocht, meinen sie.

          Die Mitglieder der AfD, die an diesem Abend in die Hochschulstadt gekommen sind, sehen das anders. Für sie ist „Amberg“ schon jetzt ein Codewort. Es steht für: Seht her, wir haben es gesagt. „Sie werden sich noch umschauen“, sagt Bernhard Zimniok. Er tritt für seine Partei im Europawahlkampf an. „Ich hab’ in Pakistan gelebt und kenn das, wenn sich Menschen zusammenrotten und was da passieren kann. Das wird ein böses Erwachen geben.“ Er ist darum mit der Landesvorsitzenden Katrin Ebner-Steiner nach Amberg gekommen, um Gespräche mit verunsicherten Bürgern zu führen. Vor dem Café Barocco steht aber kein einziger Amberger. Vorher hat die Gruppe sich mit drei Bürgern in einem anderen Café getroffen, die sich per Facebook an sie gewandt hätten, sagt er. Das Interesse scheint nun jedoch eher gering zu sein.

          Sicher ist sicher

          Die AfD-Abgeordneten meinen, dass der Vorfall exemplarisch sei, und sich in diesem Jahr noch öfter wiederholen werde. Darum fordern sie ein schärferes Asylrecht, Ebner-Steiner will sogar Ausgangssperren nach Einbruch der Dunkelheit für Asylbewerber. „Früher war es in Bayern einfach schöner“, sagt sie. „Jetzt gab es hier in Amberg eine Hetzjagd auf Einheimische.“ Irgendwann kommt ein Sicherheitsmann in schwarzer Jacke und Mütze an: „Wir brechen jetzt ab. Das ist eine Gefahrenlage!“ Zwei Mädchen mit einem wadenhohen Hund sind stehen geblieben und schauen zum Vorplatz des Cafés rüber. Ebner-Steiner sagt, dass sie entscheide, wann sie gehe. Doch der Securitymann macht Druck. Die Antifa will kommen, angeblich. Die hätten sich zusammen telefoniert. „Wir fahren jetzt!“, bestimmt er schließlich. „Nicht mal mehr irgendwo stehen kann man“, grummelt Zimniok. Er fühlt sich von den Linken verdrängt. Die Gruppe zieht los, die Bürgersprechstunde ist vorbei. Von der Antifa keine Spur.

          Abseits der wenig belebten Altstadt ist es noch ruhiger. Das Mariendeck, einer der Orte, die das Mädchen in der Altstadt als gefährlich eingestuft hat, ist an diesem Abend wie ausgestorben. Die wenigen, die durch die Straßen laufen, haben ihre Hände tief in den Taschen vergraben und Kopfhörer auf. Nur die Polizeiwagen, die im Minutenabstand durch die Straßen kurven, fallen auf. Sicher ist sicher.

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