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Altersfrage bei Flüchtlingen : Kinder mit Bärten

  • -Aktualisiert am

Die Tests dauern nur zwei Stunden

Der CDU–Bundesinnenminister Thomas de Maizière forderte daraufhin strengere Vorgaben an die Jugendämter. Es könne „nicht ins Belieben einzelner Behörden gestellt sein, wann Zweifel angenommen und Maßnahmen eingeleitet werden“. CSU-Politiker sprachen sich für eine obligatorische Altersprüfung bei jungen Migranten aus. Der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, lehnte das ab. Er nannte die Untersuchungen aufwendig, teuer und ungenau. Das wiederum sehen viele Rechtsmediziner anders. Die Tests dauern nur etwa zwei Stunden und kosten rund 1500 Euro.

Ein unbegleiteter minderjähriger Flüchtling kostet den Staat pro Jahr 60.000 Euro, fünfmal mehr als ein Erwachsener. Auch die Genauigkeit der Tests verteidigen Rechtsmediziner wie Andreas Schmeling, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für forensische Altersdiagnostik, oder Klaus Püschel, Rechtsmediziner am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Beide sagen, sie könnten sehr sicher einschätzen, ob jemand volljährig ist oder nicht. Und in diesem Punkt gesteht sogar Montgomery zu: „Das Einzige, was Sie mit Sicherheit feststellen können: Wenn alle Wachstumsfugen geschlossen sind, ist der Mensch älter als 21 Jahre.“ Einer seiner Hauptkritikpunkte ist die Strahlenbelastung durch das Röntgen, „an einer besonders strahlensensiblen jungen Gruppe, ohne medizinische Indikation“.

Das Handwurzelröntgen ist aber unbedenklich: 0,1 Mikrosievert Strahlung werden dabei aufgenommen. Das ist weniger als das, was ein Passagier am Flughafen während der Gepäckkontrolle abbekommt. Da dieser Wert allein zu ungenau ist, wird meist noch der Kiefer geröntgt, da ist die Strahlenbelastung höher: bis zu fünfzig Mikrosievert.

Manche Bundesländer ergänzen das durch eine Computertomographie der Schlüsselbeingelenke. Das führt zu einer Strahlenbelastung von weiteren 600 bis 800 Mikrosievert. Zum Vergleich: Der deutsche Durchschnittsbürger bekommt im Jahr etwa 2000 Mikrosievert durch Röntgenstrahlung ab, dazu 1000 bis zu 2000 Mikrosievert durch die normale Umgebungsstrahlung.

Das Verwaltungsgericht Hamburg hat in dem Zusammenhang 2009 festgestellt, dass nach Maßgabe des Verhältnismäßigkeitsgrundsatzes eine „im Rahmen des Üblichen liegende Gesundheitsgefährdung des zu Untersuchenden durch Röntgenbestrahlung hinzunehmen und nicht als Gesundheitsnachteil im Sinne der Vorschrift aufzufassen ist“.

Genauigkeit von plus/minus zwei Jahren

In einem Punkt stimmt Montgomery dem grünen Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer zu. Wenn Zweifel bestünden, dann müsse gelten, was ohnehin schon heutige Rechtslage sei: Wenn Entscheider einen Menschen für volljährig halten, dann hat dieser das Recht, dagegen Einspruch zu erheben und mit seiner Einwilligung Untersuchungen vornehmen zu lassen.

Palmer geht aber weiter. Er fordert „regelhafte Untersuchungen“ bei alleinreisenden jungen Männern, weil ansonsten die Gefahr von Straftaten steige. Wer als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling in Obhut des Jugendamtes ist, der wird nicht abgeschoben. Minderjährige, die eindeutig auch als solche erkennbar sind, nimmt Palmer aus. Sie sollten nicht standardmäßig überprüft werden.

Die medizinischen Altersüberprüfungen haben eine Genauigkeit von plus/minus zwei Lebensjahren. Deswegen wird immer das jüngstmögliche Alter angegeben. So war es auch bei Abbas R., dem angeblichen Zwölfjährigen. Die Röntgenuntersuchung an der Uniklinik Hamburg ergab, dass Abbas mindestens 19 Jahre alt ist.

Noch gehen die Bundesländer unterschiedlich vor. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge lobt das Hamburger Modell. Hamburg wendet, genau wie Berlin, ein stufenweises Verfahren mit nichtmedizinischen und medizinischen Methoden an. Rechtsmediziner und Politiker von CDU und SPD fordern nun bundeseinheitliche Verfahren zur Altersfeststellung.

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