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Alliierte Bombenangriffe 1945 : Feuerstürme

Auch München war Ziel der alliierten Bomberströme. Die brennende Innenstadt wurde von der Frauenkirche aus fotografiert. Bild: Picture-Alliance

Kurz vor Kriegsende zerbombten alliierte Luftflotten 1945 viele deutsche Städte. Das war militärisch sinnlos. Eine Erkundung in Wesel, Pforzheim, Würzburg und Nordhausen.

          8 Min.

          Ungefähr vierzig Minuten benötigte eine alliierte Luftflotte, um eine deutsche Stadt in ein ausgebranntes Gerippe zu verwandeln. Dresden war vor siebzig Jahren eine solche Stadt. Eine von vielen. Kurz davor hatte es Magdeburg getroffen: 371 Flugzeuge, 1200 Tonnen Bomben, 39 Minuten. Danach waren 190.000 Magdeburger obdachlos, die Innenstadt ein Trümmerfeld. Wesel war am 16. Februar 1945 an der Reihe. Gegen 16 Uhr kamen einhundert schwer beladene Flugzeuge des britischen „Bomber Command“ über Wesel und beendeten vorläufig einige hundert Jahre Stadtgeschichte am Rhein. 600 Einwohner starben, außerdem Hunderte Soldaten, Patienten eines Lazaretts, italienische Militärinternierte und ausländische Zwangsarbeiter. Tags darauf kehrten die Bomber zurück und dann nochmals.

          Peter Carstens
          (pca.), Politik

          Wesel wurde zu 97 Prozent zerstört. Der britische Feldmarschall Montgomery, der die Angriffe aus sicherer Distanz beobachtete, sprach von einem „Meisterstück“. Von Wesels spätgotischem Willibrordi-Dom blieb nur eine Ruine. Den Überlebenden war ihr zerstörtes Gotteshaus so lieb wie anderen die Frauenkirche. Ein privater Bauverein sammelte von 1947 an Geld und baute den Dom Stein um Stein wieder auf. Siebenundvierzig Jahre später wurde das Werk vollendet. Wesel hat, wie viele deutsche Kommunen, den Tag seiner Zerstörung nie vergessen. Jedes Jahr wird am „Bombenopferfeld“ vor der Statue „Trauernde Vesalia“ daran erinnert.

          Zum Neubeginn gehörte es aber auch, die stille Wut und den alten Hass zu überwinden. 1952 wurde Städtefreundschaft mit dem amerikanischen Hagerstown geschlossen, 1974 mit Felixstowe in England. Die Initiative dazu war ausgerechnet von der Weseler Feuerwehr gekommen. Die hatte im Bombenkrieg gelöscht, was noch zu löschen war. Als in Wesel 1938 die Synagoge brannte, hatte die Feuerwehr allerdings nicht gelöscht, sondern bloß darauf geachtet, dass die Flammen nicht auf die Nachbarhäuser übersprangen.

          Irgendwann war es selbst Churchill genug

          Einen militärischen Zweck hat niemand in der Zerstörung Wesels erkennen können. Das galt für die meisten Städte, die in den letzten Kriegsmonaten niedergebombt wurden. Terror und Vergeltung war spätestens zu diesem Zeitpunkt das stärkste Motiv. In seinem Buch „Der Bombenkrieg“ hat der britische Historiker Richard Overy jüngst weitere Gründe aufgelistet: das Bestreben, möglichst wenig eigene Soldaten im Städtekampf zu verlieren. Die Furcht vor deutschen Wunderwaffen, etwa neuen Raketen und Düsenflugzeugen. Böse und doch überzeugend ist sein Argument, die gigantische Luftflotte mit ihren etwa 6500 Bombern habe einfach beschäftigt sein wollen. Irgendwann, so schreibt Overy, war es selbst Churchill genug. Als sein Luftkriegsgeneral Arthur Harris kurz vor Kriegsende Potsdam niedermachen ließ, schrieb der Premier empört: „Was hatte es für einen Sinn, Potsdam einfach auszuradieren?“ Die Antwort kannte er schon: nicht den geringsten.

          Der rationale Bombenkrieg, geführt mit dem Ziel, die deutsche Rüstungsindustrie zu treffen, Verkehrsadern zu durchtrennen und die Lufthoheit über dem Kriegsgebiet zu erringen, war zumindest auf britischer Seite in ein militärisch unsinniges, verbrecherisches Abschlachten von Zivilbevölkerung übergegangen. Die grobschlächtigen Flächenbombardements des britischen „Bomber Command“, aber auch Massenabwürfe durch die amerikanische Air Force töteten im Frühjahr 1945 Zehntausende Zivilisten und bewirkten militärisch wenig.

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