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Martin Luther : Gott des Miteinanders, nicht des Zwanges

Martin Luther in einem Bild von Lucas Cranach dem Älteren Bild: dpa

Am Karfreitag steht Gott nicht in seiner Pracht, sondern hängt in Ohnmacht am Kreuz. Das passt zu Martin Luthers Vorstellung: Sein Gott peitscht nicht mit einem Streitwagen in die Welt, sondern will die Menschen zu seinen Mitarbeitern machen.

          Martin Luther erkannte im Kreuz das Grundprinzip des Christentums: Gott, verborgen unter seinem Gegenteil.

          Quer durch die Religionsgeschichte werden Gott Macht, Stärke und Glanz zugesprochen. Wie die anderen monotheistischen Religionen geht auch das Christentum von dieser Vorstellung aus. Allerdings bildet dort der Karfreitag ein Widerlager: Am Kreuz fällt Gott aus seiner gewohnten Rolle. Er ist dort nicht in seiner Vollmacht, sondern in Ohnmacht zu sehen.

          Martin Luther besaß einen ausgeprägten Sinn für die Tragweite dieser Umkehrung. Der Reformator machte die aus dem Kreuz resultierende Zweideutigkeit zum Ausgangspunkt seiner Theologie. Luther sah, dass auch vieles andere seine Eindeutigkeit verliert, wenn Gott selbst ambivalent wird.

          Der Reformator setzt deshalb auf das Prinzip radikaler Verunsicherung. Luther durchtrennt die Sicherheitsgurte der Gesellschaft. Gebräuchen, die bis dato eindeutig als gut kodiert waren, entzieht er den Boden. Fasten, Gelübde, Ablässe, nichts lässt er bestehen. Nichts davon soll Gewissheit vermitteln. Auch die Hoffnung, diese Welt gedanklich zu durchdringen und sie gar mit den Mitteln der Vernunft zu einer wohnlichen Heimat umzugestalten, erklärt der Reformator zur Illusion. Mit der Vernunft kann der Mensch sich vorübergehend kleine Inseln der Ordnung schaffen. Immerhin. Doch schwimmen diese Eilande nach Luther weiter in einem Ozean des Chaos, dessen Wellen sie jederzeit verschlingen können.

          Keiner hat ein Anrecht auf göttlichen Rechtschaffenheitsbericht

          Luther knipst auch die Fixsterne am Wertehimmel der Gesellschaft aus, so dass sie keine Orientierung geben. Moralische Normen haben für Luther vorrangig den Zweck, dass der Mensch „an sich selbst verzweifeln lernt“. Und die guten Werke? Gerade die hält der Reformator für besonders gefährlich. Allzu oft seien gerade jene Werke, die am hellsten strahlen, nur ein Blendwerk, durch das der Mensch seine eigene Selbstbezogenheit zementiert und sich selbst über seine Mitmenschen erhebt.

          „Solche Sünde wiegt schwerer vor Gott als Totschlag und Ehebruch. Aber man sieht diesem Laster seine Bosheit nicht so gut an wie dem Totschlag, seiner Subtilität wegen“, schreibt Luther, der die Mechanismen des Seelenlebens während seiner Jahre im Kloster mit unerbittlicher Konsequenz an sich selbst studiert hatte.

          In vielen seiner Sichtweisen mag der Reformator der Theologie und der Spiritualität seiner Zeit verhaftet geblieben sein. Doch auch wenn 500 Jahre nach Luther niemand mehr mit Tintenfässern nach Teufeln schmeißt – Luthers Weltgefühl ist von der Gegenwart nicht so weit entfernt. In einer Zeit, in der viele den Eindruck haben, dass ihnen die alten Sicherheiten entschwinden, lässt sich bei Luther lernen, dass es sie niemals gegeben hat.

          Auf die Spitze treibt Luther das Prinzip Verunsicherung auf dem Gebiet der Religion. Er baut gezielt dunkle Flecken ein, um auch die religiösen Spielarten des Hochmuts auszuschließen. Der Fromme soll sich nicht zu sicher sein: Der verborgene Gott könnte auch ihn verworfen haben und sich aus unerforschlichen Gründen für die lebenslustige Tante seines Nachbarn entschieden haben. Selbst Gläubige haben in Luthers Welt keinen Anspruch auf einen göttlichen Rechenschaftsbericht. Luthers Welt ist schrecklich gerecht: Ein jeder, ob Papst oder Paketbote, ist auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.

          Porträt Luthers: Sein Konzept war „Gerechtigkeit in der Unsicherheit“

          Wer sich nicht trösten lassen will, kann mit Luther noch tiefer in die Abgründe sehen. Das wäre allerdings allenfalls der halbe Luther. Zu den Eigenheiten Luthers gehört, dass die Unerbittlichkeit der Zärtlichkeit Raum schaffen soll. Wer Trost sucht, den fasst der Reformator in seinen Texten an der Hand und führt ihn an Weihnachten zur Krippe und an Karfreitag zum Kreuz: Luther zeigt das wimmernde Kind und den sterbenden Verfluchten.

          Kein Zwang zu Gehorsamkeit, sondern Selbstdisziplin

          Gott, verborgen unter seinem Gegenteil. Für Luther ist dies das Grundmotiv des Christentums. Luthers Gott peitscht seine Allmacht nicht mit dem Streitwagen in die Welt hinein, um Gehorsam zu erzwingen. Sondern er möchte, dass die Menschen zu seinen Mitarbeitern werden und ihn in ihren Mitmenschen erkennen. Die Kraft Gottes erweist sich deshalb nicht in den gängigen Kategorien von Macht, Stärke und Glanz. Sie zeigt sich darin, dass er sich den Verhältnissen dieser Welt bis in die letzte Konsequenz aussetzt. Gott setzt damit nach Luther einen „fröhlichen Wechsel“ in Gang, bei dem er Sünde und Tod auf sich nimmt, um den Menschen Vergebung und neues Leben zu geben.

          Rational einholbar ist dieser Vorgang nicht. Luther wollte auch gar nicht auf garantierte Gewissheiten oder allgemeinverbindliche Sicherheiten hinaus. Der Reformator zielte auf einen rückhaltlosen und in gewissem Sinne kindlichen Glauben, der sich bei jeder Anfechtung von neuem in die Hand des gekreuzigten Gottes begibt. Solches Vertrauen, so dachte Luther, müsse befreiend auf einen Menschen wirken und könne eine furchterfüllte Welt von ihrer Angst befreien.

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          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

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