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F.A.Z. exklusiv : Interessen schlagen Fakten

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Trotz dieser Skepsis zieht die Mehrheit in der Summe eine positive Bilanz der Medienberichterstattung. 55 Prozent sind mit der Berichterstattung über Politik und aktuelle Ereignisse zufrieden, 31 weniger zufrieden und nur sieben Prozent überhaupt nicht zufrieden. Lediglich die Anhänger von der Linken und der AfD äußern sich auch in diesem summarischen Urteil weit überwiegend kritisch.

Deutsche zweifeln an Experten

Trotz des überwiegend positiven Gesamturteils gibt es weit verbreitet latentes Misstrauen, das neben Medien auch Experten trifft. Einerseits weiß die große Mehrheit, dass sie bei ihrer Meinungsbildung auf Medien und auf Experten angewiesen ist. Gleichzeitig schließen sich jedoch 61 Prozent einer Position an, die in einem Interview geäußert wurde: „Auf das Urteil von Experten gebe ich im Allgemeinen nicht viel. Diese sogenannten Experten sind meist nicht unabhängig. Deshalb kann man sich auf ihr Urteil nicht verlassen.“

Man muss immer berücksichtigen, dass der gesellschaftliche Diskurs von realen Entwicklungen, aber auch von Interessen und Weltbildern bestimmt wird. Dabei stehen Interessen und Weltbilder oft in Konkurrenz zu den Fakten. Das Misstrauen gegen Fakten und Expertise hat daher auch mit der Sorge zu tun, dass dadurch politische Entscheidungen präjudiziert werden, die quer zu den eigenen Wünschen und Interessenlagen stehen. Beispielsweise ist die Bevölkerung sehr gut über die Folgen der demographischen Entwicklung für die sozialen Sicherungssysteme informiert, die Fakten sprächen für tiefgreifende Reformen, die aber von der großen Mehrheit nicht gewünscht werden.

Fakten stören, wenn sie eigenen Wünschen widersprechen

Immer wenn Interessen oder Weltbilder im Spiel sind oder eine gesellschaftliche Debatte aufgeladen ist, treffen faktenbasierte Argumente auf erhebliche Gegenwehr. Wenn beispielsweise eine Expertendiskussion über die Frage simuliert wird, wie viele Flüchtlinge Deutschland aufnehmen kann, und ein Zuhörer aufspringt und protestiert „Was interessieren mich Zahlen und Statistiken in diesem Zusammenhang. Wie kann man überhaupt so kalt über eine Entwicklung reden, die unsere gesamte Gesellschaft verändert!“, geben 50 Prozent diesem Protest recht. Wenn der Protest sich dagegen richtet, dass man nicht anhand von Fakten über ein Thema reden dürfe, bei dem es um menschliche Schicksale geht, pflichten weniger, aber immerhin auch 43 Prozent dem Protest bei.

Seit Jahrzehnten arbeitet das Allensbacher Institut mit diesem Fragemodell, abhängig vom Thema stimmen in der Regel breite Bevölkerungskreise dem Protest gegen eine auf Fakten fokussierte Expertendebatte zu: wenn über die Kürzung von Sozialleistungen diskutiert wird, zwei Drittel der Bürger, ebenso viele bei einer Diskussion über die Sicherheit von Kernkraftwerken, bei dem Thema Klimawandel 38 Prozent. Die Sorge, dass Fakten politische Entscheidungen determinieren, dass sie persönliche Interessen und Wünsche an den Rand drängen, spielt hier eine große Rolle.

Für die Anhänger von Trump sind Fakten zur Wanderungsbilanz zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten irrelevant bis störend, wenn es um ihren Wunsch nach Abschottung geht. Genauso spielt die faktisch niedrige Arbeitslosenquote keine Rolle, wenn die Arbeitsmarktbilanz als desaströs beschrieben wird, aber verbunden mit der Ankündigung neuer Jobs. Was zählt, sind zunächst die Ziele, die Versprechen. Schwierig wird es dann, wenn geweckte Erwartungen und Hoffnungen sich nicht erfüllen.

Renate Köcher ist Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie Allensbach

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