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Allensbach-Umfrage : Der geteilte Liberalismus

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Anscheinend ist es der FDP nicht gelungen, den Eindruck zu vermitteln, dass sie die Weltanschauung des Liberalismus in ihrer ganzen Breite vertritt Bild: dpa

Viele halten sich für liberal, aber der Wirtschaftsliberalismus, der als Markenzeichen der FDP gilt, ist weitgehend unbeliebt. Darin gründet der Niedergang der Partei.

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          „Nicht nur Krisengewinnler“ lautete der Titel des Allensbacher Monatsberichts vom März 2009 in der F.A.Z., in dem der FDP sehr günstige Zukunftsaussichten zugeschrieben wurden. Seit vielen Monaten hatten die Allensbacher Repräsentativumfragen für die Freien Demokraten Werte weit oberhalb der Zehnprozentmarke in der Zweitstimmen-Wahlabsicht ausgewiesen. Darüber hinaus ließ sich zeigen, dass das gesellschaftliche Klima seit etwa einem Jahrzehnt für eine liberale Partei zunehmend günstig zu sein schien. So war zum Beispiel seit Mitte der neunziger Jahre der Anteil derjenigen an der Bevölkerung deutlich gewachsen, die die Ansicht vertraten, jeder Mensch sei „seines Glückes Schmied“, die meisten Bürger seien also fähig, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und erfolgreich zu gestalten - die Annahme, die letztlich jedem liberalen Denken zugrunde liegt. Viele andere Einzelbefunde deuteten in dieselbe Richtung: Die Zeiten, in denen die FDP in ihrer Existenz bedroht war, schienen vorbei, ein für die Partei gefährlicher Absturz in der Wählergunst kaum vorstellbar.

          Und doch stürzte die FDP binnen weniger Monate nach dem größten Wahlerfolg ihrer Geschichte in eine tiefe Existenzkrise. Sicherlich lassen sich einfache politische Erklärungen für diese Entwicklung finden: öffentliche Auseinandersetzungen in der Bundespolitik, Personalentscheidungen, parteiinterne und koalitionsinterne Konflikte. Auch der unmittelbar nach der Bundestagswahl einsetzende außerordentlich heftige publizistische Gegenwind dürfte eine wesentliche Rolle gespielt haben: Nach den Analysen des Zürcher Media-Tenor-Instituts halbierte sich der Anteil der positiven Bewertungen der FDP in der Berichterstattung der führenden deutschen Nachrichtenmedien in der Zeit von September auf Oktober 2009, also bereits bevor die neue Regierung überhaupt im Amt war, und ging in den kommenden Monaten noch weiter zurück. Vom Herbst 2009 an war die FDP dauerhaft die in der Berichterstattung mit Abstand am negativsten bewertete Partei.

          Bekenntnis zum Liberalismus

          Und dennoch drängt sich die Frage auf, ob nicht doch mehr hinter dem Niedergang der FDP steckt als tagespolitische Gründe. Könnte es sein, dass die Analyse vom Frühjahr 2009 unzutreffend war? Dass vielleicht, anders als damals angenommen, die Fundamente des Liberalismus in Deutschland bröckeln? Dieser Frage ist das Institut für Demoskopie Allensbach in seiner jüngsten Repräsentativumfrage im Auftrag der F.A.Z. nachgegangen.

          Das Etikett „liberal“ hat in Deutschland nach wie vor einen guten Klang. Auf die Frage „Wenn Sie den Begriff ,liberal’ hören, verbinden Sie damit eher etwas Positives oder etwas Negatives?“ antworten heute 54 Prozent der Deutschen: „etwas Positives“. Nur 16 Prozent empfinden ihn als negativ. 47 Prozent der Bevölkerung sagen außerdem, sie würden sich selbst als liberal bezeichnen, nur 24 Prozent bezeichnen sich ausdrücklich als nicht liberal. Diese Zahlen entsprechen fast genau denen vom März 2009. Bemerkenswert ist dabei, wie sehr sich das Bekenntnis zum Liberalismus durch das gesamte politische Spektrum zieht. Wie man erwarten kann, stufen sich fast alle FDP-Wähler, 93 Prozent, als liberal ein. Aber auch 60 Prozent der Wähler der Grünen und jeweils rund 50 Prozent der CDU/CSU- und SPD-Wähler bezeichnen sich selbst als liberal. Selbst unter den Wählern der Linken geben 40 Prozent diese Antwort.

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