Brauchen wir die Grünen?
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Grüne Freude: Viel deutet darauf hin, dass die derzeitigen Umfragewerte der Partei eher der Schwäche der politischen Konkurrenz geschuldet sind. Bild: dpa
Zur Mitte einer Legislaturperiode erzielen die Grünen in Umfragen oft glänzende Ergebnisse. Nur in Wahlerfolge kann die Partei dies selten ummünzen. Das liegt auch an der Berichterstattung über sie.
In den achtziger und neunziger Jahren wurde in Medien und Politikwissenschaft intensiv über die möglichen Ursachen des „Phänomens Kohl“ spekuliert. Regelmäßig in der Mitte einer Legislaturperiode schien der damalige Bundeskanzler bei der Bevölkerung erledigt zu sein. Seine persönliche Popularität erreichte vorher kaum für möglich gehaltene Tiefstwerte, die Regierungsparteien rutschten scheinbar aussichtslos ins Hintertreffen. Und dann, sobald ein Bundestagswahljahr begann, erholten sich auf geradezu wundersame Weise die Umfragewerte, und die Regierung gewann die Wahl. In den Redaktionen fragte man sich: „Wie hat er das bloß wieder geschafft?“ – und verstand nicht, dass es höchstwahrscheinlich die Journalisten selbst waren, die das Phänomen ausgelöst hatten.
Abseits wichtiger Wahltermine war, wie Medieninhaltsanalysen jener Jahre dokumentieren, die Berichterstattung über die Regierung sehr negativ. In einem Wahljahr aber ändern sich die Kriterien der Nachrichtenauswahl. Sobald der Wahltermin näher rückte, wurde anscheinend mehr Wert auf Ausgewogenheit gelegt, die Politiker selbst kamen ausführlicher zu Wort, und damit änderte sich auch das Bild, das sich die Bürger von den Parteien und Politikern machten. Wie von einem Gewicht befreit, stiegen die Popularitätswerte. Der „rätselhafte“ Aufstieg Kohls war nur möglich, weil der Kanzler zuvor so gründlich in den Abgrund geschrieben worden war.
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