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Allensbach-Studie : Die Grenzen der Propaganda

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Über den Zustand des deutsch-russischen Verhältnisses macht sich die Bevölkerung keine Illusionen. 2008 hatten noch 55 Prozent die Beziehungen zwischen den beiden Ländern als „sehr gut“ oder „gut“ bezeichnet, heute sind es noch 8 Prozent. 88 Prozent beurteilen dagegen die derzeitigen Beziehungen als „weniger gut“ oder „gar nicht gut“. Und auf die Frage „Glauben Sie dass Russland und Deutschland auf Dauer ein gutes Verhältnis haben werden, oder glauben Sie das nicht?“ antworten heute 27 Prozent, sie glaubten daran. Im Mai 2004 waren dagegen 65 Prozent dieser Ansicht, im September 2008 immerhin noch 45 Prozent.

Das Bemühen des russischen Präsidenten, den Eindruck von Stärke zu vermitteln, hat bei den Deutschen durchaus Eindruck hinterlassen. Auf die Frage „Ist Russland heute noch eine Weltmacht, oder kann man Russland nicht mehr als Weltmacht bezeichnen?“ antworten heute 67 Prozent der Deutschen, ihrer Ansicht nach sei Russland eine Weltmacht. Allerdings gaben bereits 2008 ebenfalls 67 Prozent diese Antwort. Vier Jahre zuvor waren es dagegen nur 38 Prozent gewesen. Dass Russland heute von den meisten Deutschen als Weltmacht wahrgenommen wird, ist also mehr auf die Politik Putins im vergangenen Jahrzehnt zurückzuführen als auf sein Verhalten in der aktuellen Ukraine-Krise.

Die Feststellung, dass Russland eine Weltmacht sei, ist für viele nicht gleichbedeutend mit der Annahme, dass Russland auch ein starkes und stabiles Land sei. Untersucht man das Russland-Bild der Deutschen etwas detaillierter, erkennt man, dass seit 2008 zwar der Anteil derjenigen, die sagen, Russland spiele in der Weltpolitik eine wichtige Rolle, von 72 auf 82 zugenommen hat, doch noch deutlicher ist die Zunahme bei den Aussagen „Der Wirtschaft geht es schlecht“ (von 38 auf 57 Prozent) und „Die politische Lage ist unsicher, nicht stabil“ (von 47 auf 64 Prozent). Es drängt sich das Bild des Kolosses auf tönernen Füßen auf. Dass Russland ein ordnungsstiftender, stabilisierender Faktor in Europa sein könnte, scheinen nur noch wenige zu glauben. Der Anteil derjenigen, die sagen, Russland sei ein Land, von dem Gefahr ausgeht, ist in den vergangenen sieben Jahren von 36 auf 64 Prozent gestiegen.

So ist auch die Haltung gegenüber den Wirtschaftssanktionen, die die EU und die Vereinigten Staaten gegen Russland verhängt haben, von einer gewissen Illusionslosigkeit geprägt. Auf die Frage „Sollte der Westen seine Sanktionen gegenüber Russland unverändert beibehalten, oder sollten die Sanktionen gelockert oder verschärft werden?“ antworten heute 39 Prozent, ihrer Ansicht nach sollten die Sanktionen beibehalten werden. Die Anteile derjenigen, die sich für eine Verschärfung und für eine Lockerung aussprechen, sind mit 19 beziehungsweise 21 Prozent praktisch gleich groß. Damit meint eine klare Mehrheit von 58 Prozent, die Sanktionen sollten zumindest beibehalten werden. Noch im Januar 2015 war diese Mehrheit mit 44 Prozent gegenüber 31 Prozent, die eine Lockerung befürworteten, weitaus weniger deutlich.

Man erkennt an den Umfrageergebnissen die Grenzen der Möglichkeiten politischer Propaganda. Lippmann hat beschrieben, wie sie „Bilder in den Köpfen“ formen kann, doch nicht jedes angebotene Bild wird akzeptiert. Die Erzählung vom „Putsch“ in Kiew mag in Russland überzeugen. In Deutschland, wo sie sich dem Wettbewerb mit anderen Versionen der Geschichte stellen muss, hat sie bisher nur wenigen Menschen den Kopf verdrehen können.

Der Autor Dr. Thomas Petersen ist mit Mitarbeiter des Instituts für Demoskopie Allensbach

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