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Allensbach-Studie : Deutsche sehen Einwanderung nüchtern

  • -Aktualisiert am

Auch zu den Demonstrationen gegen „Pegida“ kommen in Dresden Tausende Menschen. Bild: Reuters

Schotten dicht gegen Einwanderer? Angesichts wachsender Zahlen läge ein solches Meinungsbild nahe. Doch die Deutschen differenzieren viel mehr - zeigt eine neue Umfrage.

          6 Min.

          Wann immer Unbehagen über Flüchtlingsströme oder Einwanderung manifest wird, sind pauschale Urteile über die Bevölkerung in Deutschland und das gesellschaftliche Klima rasch gefällt. Sie reichen von der Diagnose Überfremdungsängste über Intoleranz bis hin zu Ausländerfeindlichkeit. Derartige Etikettierungen werden der sehr differenzierten Meinungsbildung in der Bevölkerung nicht gerecht. Sowohl die Bewertung der Einwanderung wie der aktuellen Flüchtlingswelle fällt heute weitaus nüchterner aus als früher - trotz des gravierenden zahlenmäßigen Anstiegs.

          Seit 2011 verzeichnet Deutschland einen Nettozuzug von mehreren hunderttausend Menschen im Jahr, 2011 von gut einer Viertel Million, 2012 bereits von knapp 370.000, 2013 von 429.000. Viele Bürger haben diese Entwicklung erst mit zeitlicher Verzögerung registriert. 2013 war die große Mehrheit noch überzeugt, dass es keinen gravierenden Anstieg der Einwanderung gibt. Diese Einschätzung hat sich im Verlauf dieses Jahres erheblich verändert: Im Februar diagnostizierten 45 Prozent einen starken Anstieg der Einwanderung, jetzt bereits 72 Prozent. Auch die Einschätzung der Struktur der Einwanderung hat sich verändert. Während immer weniger Russland, Polen oder die Türkei als Herkunftsländer einer größeren Zahl von Einwanderern vermuten, werden heute vor allem der Nahe Osten, Afrika, Bulgarien und Rumänien genannt. 86 Prozent der Bürger sind überzeugt, dass heute besonders viele Einwanderer aus dem Nahen Osten kommen. Die überwältigende Mehrheit rechnet für die nächsten Jahre mit steigenden Einwanderungs- und Asylbewerberzahlen, zwei Drittel sogar mit einem starken Anstieg.

          Bild: F.A.Z.

          Angesichts dieser Neubewertung liegt es nahe zu vermuten, dass die Bevölkerung zunehmend beunruhigt ist und die Schotten dichtmachen möchte. Umso bemerkenswerter ist der Langzeittrend: Zwar vertreten immerhin 18 Prozent die Position, dass Deutschland keine weitere Einwanderung verkraften kann; dieser Anteil ist jedoch bereits über das ganze Jahr stabil und gleichzeitig niedriger als in den Vorjahren. Die Überzeugung, dass die noch bestehende Arbeitslosigkeit Einwanderung überflüssig macht, geht seit Jahren zurück, auch in diesem Jahr. Anfang 2014 waren davon noch 34 Prozent überzeugt, jetzt 28 Prozent. Knapp die Hälfe der Bevölkerung meint dagegen, dass Einwanderung für den deutschen Arbeitsmarkt außerordentlich wichtig ist.

          Hier liegt auch der vielleicht wesentliche Schlüssel zum Verständnis der Entwicklung der öffentlichen Meinung. Ohne die robuste Verfassung des deutschen Arbeitsmarktes wäre die Bevölkerung weit weniger gelassen. Dies zeigt ihre völlig andere Reaktion in der Phase der Wachstumsschwäche und hohen Arbeitslosigkeit in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrzehnts. Damals vertraten 61 Prozent die Ansicht, dass Deutschland keine Einwanderung brauche.

          Bild: F.A.Z.

          Die Ressentiments sind deutlich schwächer als in den Neunzigern

          Auch auf die neue Flüchtlingswelle reagiert die Bevölkerung heute anders als in der ersten Hälfte der neunziger Jahre. Die damalige Flüchtlingswelle traf mitten in die Rezession, die dem Einheitsboom folgte, und hatte zudem zahlenmäßig eine andere Dimension. 1992 gab es rund 440.000 Asylgesuche, 1993 rund 320.000. Im vorigen Jahr beantragten dagegen 130 000 Menschen Asyl, in diesem Jahr bis November rund 180 000. Auch wenn die Dimension dieses Problems zurzeit noch geringer ist als Anfang der neunziger Jahre, ist die Mehrheit der Bevölkerung in ihrem Umfeld damit konfrontiert. Annähernd 60 Prozent berichten, dass in ihrer Region in letzter Zeit Flüchtlinge untergebracht werden mussten; gut jeder Dritte hat den Eindruck, dass diese Herausforderung Probleme bereitete, sei es, weil Wohnraum fehlte, sei es, weil die zur Verfügung stehenden Unterbringungsmöglichkeiten unbefriedigend sind.

          Es gibt durchaus Ressentiments, aber zumindest bisher weit weniger ausgeprägt als am Beginn der neunziger Jahre. Damals waren 37 Prozent grundsätzlich bereit, eine Bürgerinitiative gegen die Einrichtung eines Asylbewerberheimes mit ihrer Unterschrift zu unterstützen. Eine Allensbacher Untersuchung im Auftrag der Robert Bosch Stiftung weist diesen Anteil für 2014 noch mit 24 Prozent aus. Insbesondere in Westdeutschland, aber auch in Ostdeutschland ist dieser Anteil zurückgegangen. Gleichzeitig sind ebenso viele Bürger bereit, eine Unterschriftensammlung zugunsten der Einrichtung einer solchen Unterkunft in ihrer Gemeinde zu unterstützen.

          Noch deutlicher zeigen die Vorstellungen, unter welchen Umständen die Aufnahme von Asylbewerbern gerechtfertigt ist, wie differenziert die große Mehrheit der Bevölkerung urteilt. So halten 87 Prozent eine Aufnahme von Asylbewerbern für gerechtfertigt, wenn in ihrem Heimatland Krieg oder Bürgerkrieg herrschen, 77 Prozent bei einer Verfolgung aus politischen Gründen, zwei Drittel bei einer Verfolgung aus religiösen Gründen. Knapp zwei Drittel halten auch eine Hungerkatastrophe in dem Herkunftsland für einen hinreichenden Grund, 53 Prozent eine schwere Naturkatastrophe. Abseits des Katastrophenfalls werden wirtschaftliche Gründe allerdings von der Mehrheit nicht als hinreichender Grund für die Aufnahme von Asylbewerbern akzeptiert. So halten es 54 Prozent für keinen hinreichenden Grund, wenn jemand in seinem Heimatland keine Existenzgrundlage hat, sich oder seine Familie zu ernähren; den Wunsch, die eigene Familie im Heimatland finanziell zu unterstützen, stufen 59 Prozent als unzureichend ein. Die große Mehrheit versteht die Intention der Asylgesetze und hält sie bei einer konsequenten Anwendung auch für richtig. Dabei finden allerdings nicht alle Regelungen Zustimmung. So hat die Mehrheit kein Verständnis dafür, dass sich Asylbewerber und Flüchtlinge nicht umgehend um Arbeit bemühen dürfen. Umso mehr begrüßt die Bevölkerung die Lockerung dieser Bestimmung, die es Asylbewerbern gestattet, bereits nach drei Monaten einen Arbeitsplatz anzunehmen.

          Die Bürger verfolgen aufmerksam den Umgang mit dem Flüchtlingszustrom innerhalb der EU. Die Mehrheit fordert eine angemessene Verteilung der Flüchtlinge auf die einzelnen Mitgliedsländer und zählt dies zu den wichtigsten Aufgaben, um die sich die neue Kommission kümmern sollte. Generell wird viel davon abhängen, wie die Politik mit dem Flüchtlingszustrom umgeht, auf europäischer wie auf nationaler und lokaler Ebene.

          Das gilt auch für die Auseinandersetzung mit radikalen islamischen Gruppierungen. Die Besorgnis über die Risiken, die von solchen Gruppen ausgehen, hat durch das Vorgehen des IS einen Schub erhalten. Die Bedrohung durch den IS beunruhigt insbesondere die politisch Interessierten, von denen 84 Prozent die Entwicklung im Nahen Osten mit großer Besorgnis verfolgen. 63 Prozent halten die Gefahren, die Deutschland von radikalen islamischen Gruppen drohen, für groß oder sehr groß; vor zwei Jahren sagten das 56 Prozent, vor acht Jahren 45 Prozent. Das Gefahrenbewusstsein bewegt sich heute wieder auf einem Niveau wie in den ersten Jahren nach den New Yorker Anschlägen. Auf globaler Ebene hält die Bevölkerung diese Risiken für noch größer. 86 Prozent halten die Risiken, die von radikalen islamischen Gruppierungen ausgehen, für groß oder sehr groß.

          Die Mehrheit bezweifelt schon seit Jahren die Möglichkeit einer friedlichen Koexistenz von Islam und christlich geprägten Ländern. Das Bild vom Islam ist seit langem stark von den Assoziationen Gewaltbereitschaft, Intoleranz und Fanatismus geprägt. Dagegen werden Friedfertigkeit oder Achtung der Menschenwürde kaum mit dem Islam verbunden.

          Das Bild des Islam wird von seinen radikalen Strömungen bestimmt. Den gemäßigten Muslimen und ihren Organisationen gelingt es bisher nur unzureichend, dem ein differenzierteres Islambild entgegenzusetzen. Das Wissen über den Islam ist begrenzt. Annähernd 80 Prozent der Bevölkerung stufen ihr Wissen als gering ein. Persönliche Erfahrungen mit Muslimen im Bekannten- oder Freundeskreis hat auch nur eine Minderheit, gut jeder Dritte - mit gravierenden Unterschieden zwischen West und Ost: Vier von zehn Westdeutschen, aber nur 13 Prozent der Ostdeutschen haben im Bekanntenkreis einen oder mehrere Muslime. Auch die Erfahrungen der Generationen unterscheiden sich gravierend. Von den 60-Jährigen und Älteren kennt nur jeder Fünfte Muslime persönlich näher, von den Unter-30-Jährigen dagegen 44 Prozent.

          Diejenigen, die Muslime persönlich kennen, differenzieren stärker zwischen radikalen Gruppierungen und dem Islam insgesamt und sind optimistischer in Bezug auf die Chance einer friedlichen Koexistenz von Christentum und Islam. Der These eines ehemaligen Bundespräsidenten, der Islam gehöre zu Deutschland wie das Christentum, widerspricht jedoch auch die Mehrheit der mit Muslimen näher Vertrauten und die überwältigende Mehrheit der gesamten Bevölkerung. Eine religiöse und kulturelle Prägung über Jahrtausende hinweg ist etwas anderes als die Anerkennung, dass islamisch geprägte Bevölkerungsteile in Deutschland mittlerweile große und weiter wachsende Bedeutung haben.

          Es ist eine Herausforderung, ein differenzierteres Bild des Islam in einer Zeit zu befördern, in der Radikale die Nachrichtenlage beherrschen. Man sollte die Bevölkerung jedoch nicht unterschätzen. Die Bürger sind im internationalen Vergleich überdurchschnittlich politisch interessiert, bei vielen Themen in ihrem Urteil bemerkenswert differenziert und zugleich meist bereit, auch Wissensdefizite zuzugeben. Zurzeit kommt viel zusammen: die hohe Einwanderung, der wachsende Zustrom an Flüchtlingen, die instabile Lage in vielen Weltregionen, die Fluchtbewegungen verstärkt, und wachsende Risiken durch radikale Gruppierungen. Umso bemerkenswerter ist die Haltung der Mehrheit, die zwar besorgt ist und alles aufmerksam verfolgt, gleichzeitig aber meist differenziert und nüchtern urteilt. Nervös werden Menschen meist erst dann, wenn sich problematische Entwicklungen zuspitzen und der Politik zu wenig Problembewusstsein oder überzeugende Konzepte zugetraut werden.

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