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Allensbach-Analyse : Was bedeutet „sparen“?

  • -Aktualisiert am

Bild: Greser & Lenz

Die Euro-Krise hat das Bewusstsein für die Risiken der Staatsverschuldung erheblich geschärft. Gleichwohl bleiben die Deutschen gelassen: Bedrohlicher werden Privatschulden angesehen.

          6 Min.

          Wenn sich die Sprache verändert, verändert sich die Gesellschaft. Deswegen lohnt es sich, der Sinnverschiebung nachzugehen, die der Begriff „Sparen“ durchgemacht zu haben scheint. „Sparen“, sagte einmal der frühere Stuttgarter Oberbürgermeister Manfred Rommel, „heißt, Geld, das man hat, nicht auszugeben.“ Und er fuhr fort: „Bei uns aber geht es darum, Geld, das wir nicht haben, nicht auszugeben, und das nennt man Realismus.“

          Nach dieser Definition wird in fast keinem Land Europas gespart. Im Gegenteil: Jahr für Jahr geben die Staaten Milliarden Euro mehr aus, als sie einnehmen. Und doch vergeht kaum ein Tag, an dem nicht jemand in der Öffentlichkeit ein „Ende des Sparkurses“ fordert. Was also bedeutet „sparen“ für die Bevölkerung? Werden an den Umgang mit öffentlichen Kassen vielleicht andere Maßstäbe angelegt als an den privaten Umgang mit Geld? Das sind Fragen, denen das Institut für Demoskopie Allensbach in der jüngsten Repräsentativumfrage im Auftrag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nachgegangen ist. Die Ergebnisse zeigen, dass der Blick der Deutschen auf die Staatsfinanzen nüchterner ist, als man vielleicht annehmen könnte.

          Es spricht einiges dafür, dass die Euro-Krise das Bewusstsein der Deutschen für die Risiken der Staatsverschuldung im eigenen Land geschärft hat. Dies zeigen beispielsweise die Antworten auf die Frage „Wie bewerten Sie die finanzielle Lage des Staates, also die Einnahmen und die Schulden: Ist die finanzielle Lage Ihrer Meinung nach zurzeit sehr gut, gut, nicht so gut, gar nicht gut?“. Im Januar 2008 sagten 51 Prozent der Befragten, ihrer Ansicht nach sei die finanzielle Lage des Staates „nicht so gut“ oder „gar nicht gut“, nicht viel weniger, 42 Prozent, meinten, sie sei „sehr gut“ oder „gut“. Heute halten dagegen drei Viertel der Deutschen die Lage für „nicht so gut“ oder „gar nicht gut“, nur noch 19 Prozent äußern sich positiv.

          Noch deutlicher wird das Ergebnis, wenn man der Frage die Information voranstellt, dass Deutschland zurzeit rund 2 Billionen Euro Schulden hat. Unter dem Eindruck dieser Zahl entscheiden sich 81 Prozent für eine negative, nur 16 Prozent für eine positive Bewertung der Situation.

          Die Deutschen betrachten die Staatsschulden heute mit größerem Misstrauen als früher. Im Januar 1979 stellte das Institut für Demoskopie Allensbach zum ersten Mal eine Frage, mit der die Grundhaltung der Bevölkerung hierzu erfasst werden sollte. Die Interviewer überreichten ein Bildblatt, auf dem zwei Personen im Schattenriss dargestellt waren. Jeder Figur war eine Sprechblase zugeordnet. Die eine Person sagte: „Ich finde es unverantwortlich, wenn der Staat weiter so hohe Schulden macht, denn unsere Kinder müssen das eines Tages unter Opfern wieder in Ordnung bringen.“

          Die Gegenposition lautete: „Ich finde es nicht so schlimm, wenn der Staat Schulden hat. Ein gewisses Maß an Schulden hat jeder Staat; wir haben bisher mit diesen Schulden ganz gut gelebt und werden das auch in Zukunft können.“ 49 Prozent der Befragten stimmten damals der ersten, 37 Prozent der zweiten Position zu. Heute dagegen antworten auf dieselbe Frage 70 Prozent, sie fänden es unverantwortlich, weiter Schulden zu machen wie bisher. Nur noch 21 Prozent widersprechen.

          Der Bürger wird unterschätzt

          In Teilen der Politik scheint der Eindruck vorzuherrschen, es sei populär, den Wohlstand des Landes durch zusätzliche Staatsausgaben zu sichern. Doch es kann sein, dass man die Bürger damit unterschätzt. In einer weiteren Dialogfrage wurden zwei mögliche Verhaltensweisen des Staates gegeneinandergestellt. Der Aussage „Ich fände es richtig, wenn der Staat jetzt zusätzlich Geld ausgeben würde, um die Wirtschaft anzukurbeln. Dafür muss man auch höhere Schulden in Kauf nehmen“ stimmen lediglich 21 Prozent der Deutschen zu.

          61 Prozent entscheiden sich dagegen für die Gegenposition: „Deutschland hat bereits sehr hohe Schulden und kann sich nicht noch höhere Schulden leisten. Daher fände ich es nicht richtig, wenn der Staat jetzt Geld zur Ankurbelung der Wirtschaft ausgibt.“ Bemerkenswert ist, dass sich an dem Ergebnis der Frage fast nichts ändert, wenn man das erste Argument zusätzlich mit dem Satz einleitet „Ich fände es richtig, wenn der Staat jetzt Wachstumsimpulse setzen würde.“ Oft reagieren die Befragten stark auf solche durch die Berichterstattung geprägte schablonenhafte Formulierungen.

          Bei konkreten Sparvorschlägen schwindet die Zustimmung

          Doch in diesem Fall erhöht sich die Zustimmung zu staatlichen Wachstumsprogrammen nur von 21 auf 23 Prozent - der Unterschied liegt innerhalb der bei Umfragen unvermeidlichen Zufallsschwankungen. Das modische Schlagwort „Wachstumsimpulse“ beeindruckt die Bevölkerung nicht.

          Allerdings schwindet das Verständnis für finanzielle Einschnitte rasch, sobald man den Befragten konkrete Sparvorschläge vorlegt. Dies zeigen die Antworten auf die Frage „Man hört ja häufig, dass der Staat nicht genügend Geld zur Verfügung hat beziehungsweise dass er sparen muss. Welche Maßnahmen halten Sie für sinnvoll, um die finanzielle Lage des Staates zu verbessern?“

          Zu dieser Frage wurde eine Liste mit 16 Vorschlägen zur Auswahl vorgelegt. Lediglich vier Maßnahmen fanden die Zustimmung einer deutlichen Mehrheit der Befragten: Jeweils rund drei Viertel meinten, es sei sinnvoll, überschuldeten Euroländern weniger Unterstützung zu gewähren, Steuersünder konsequenter zu verfolgen, Politikergehälter zu kürzen und höhere Steuern für Wohlhabende festzusetzen - alles Maßnahmen, von denen die meisten vermutlich glauben, sie wären davon nicht betroffen.

          An fünfter Stelle, genannt von 41 Prozent, folgte die Forderung nach niedrigeren Verteidigungsausgaben. Echte Strukturreformen des Staatswesens, die den Haushalt tatsächlich nennenswert und dauerhaft entlasten könnten, fanden dagegen nur geringe Zustimmung: 34 Prozent der Befragten hielten einen Stellenabbau im öffentlichen Dienst für sinnvoll, die Kürzung von Sozialleistungen fanden nur 11 Prozent akzeptabel.

          Sozialleistungen kürzen?

          Der letzte Punkt rührt anscheinend an ein gesellschaftliches Tabu. Auf die direkte Frage „Glauben Sie, dass es möglich ist, die Staatsverschuldung in Deutschland zu senken, ohne die Sozialausgaben deutlich zu kürzen?“ antworteten immerhin 31 Prozent, sie glaubten, das sei nicht möglich. Doch nur jeder Dritte dieser Befragten sprach sich dafür aus, die Sozialleistungen auch tatsächlich zu kürzen. Eine relative Mehrheit von 43 Prozent dieser Gruppe sagte dagegen: „Da darf man nicht sparen“ und gab damit indirekt zu Protokoll, dass sie dann doch lieber hohe Staatsschulden in Kauf nehmen möchte.

          Die Antworten auf die Frage, welche Sparmaßnahmen sinnvoll seien, werfen ein Licht darauf, wie in der Öffentlichkeit über dieses Thema diskutiert wird. Bei der Hälfte der zur Auswahl gestellten Maßnahmen handelte es sich nämlich nicht um Sparvorschläge, sondern um Ideen, wie der Staat mehr Geld einnehmen kann, und diese Punkte fanden im Durchschnitt kaum weniger Zustimmung als die Kürzungsvorschläge. Hier zeichnet sich ein bemerkenswertes Begriffsverständnis ab: Der Unterschied zwischen Sparen und Einnehmen verschwimmt, offenbar ohne dass es den Bürgern aufzufallen scheint. Ein Privatmann käme wohl kaum auf den Gedanken, dass er spart, indem er seinen Arbeitgeber um eine Gehaltserhöhung bittet. Das gleiche Verhalten in der Politik wird aber anscheinend als „sparen“ akzeptiert. Mit Rommels Definition hat dieses Verständnis nicht mehr viel zu tun.

          Privat und Öffentlich: Unterschiedlicher Umgang

          Anscheinend driften die Vorstellungen von den Regeln im Umgang mit Geld im privaten und öffentlichen Bereich auseinander. In einer Frage hieß es: „Stellen Sie sich einmal vor, ein Staat hat hohe Schulden, aber gleichzeitig hohe Ausgaben, zum Beispiel um ärmere Menschen zu unterstützen oder Straßen zu bauen. Nun steht er vor der folgenden Wahl: Entweder der Staat baut die Schulden ab, dafür würde der Lebensstandard in diesem Land eine Zeitlang sinken, oder der Staat versucht, den Lebensstandard zu halten, und nimmt dafür neue Schulden auf. Was sollte der Staat Ihrer Meinung nach tun?“ Die Befragten zeigten sich bei dieser Frage verunsichert. Eine relative Mehrheit von 40 Prozent meinte, der Staat solle die Schulden abbauen und den für eine Zeit sinkenden Lebensstandard in Kauf nehmen, 20 Prozent sprachen sich für neue Schulden aus, 40 Prozent blieben unentschieden.

          Ganz anders sehen die Reaktionen aus, wenn man den Befragten eine Einzelperson vor Augen stellt: „Stellen Sie sich einmal vor, jemand hat hohe Schulden, aber gleichzeitig hohe Ausgaben, zum Beispiel für seine Miete und seinen Lebensunterhalt . . .“ Hier sagten 91 Prozent der Befragten, der Schuldner müsse seine Schulden zurückzahlen und sinkenden Wohlstand in Kauf nehmen. Nur zwei Prozent fanden es akzeptabel, dass er neue Schulden aufnimmt, um seinen Lebensstandard zu halten.

          Auch die tatsächlichen Staatsschulden Deutschlands werden als weniger bedrohlich wahrgenommen als vergleichbare Schulden einer Privatperson. Einem Teil der Befragten wurden einige Zahlen präsentiert, ohne darauf hinzuweisen, dass es sich um die - grob gerundeten - tatsächlichen Daten des Bundeshaushalts 2012 handelte. „Ein Staat“, hieß es in dem Fragetext, „nimmt 280 Milliarden Euro im Jahr ein. Gleichzeitig gibt er aber 310 Milliarden aus und muss so jedes Jahr 30 Milliarden Schulden aufnehmen, um den Lebensstandard im Land zu halten.“ 29 Prozent der Befragten sagten, sie fänden eine solche Verschuldung „gerade noch vertretbar“ oder gar „völlig in Ordnung“, 57 Prozent meinten, eine solche Haushaltsplanung sei nicht zu verantworten.

          Einem anderen Teil der Befragten wurden die gleichen Zahlenverhältnisse präsentiert, aber dieses Mal als das Budget einer Privatperson. Hier hieß es: „Jemand verdient 28 000 Euro im Jahr. Gleichzeitig gibt er aber 31 000 Euro aus und muss somit jedes Jahr 3000 Euro Schulden aufnehmen, um seinen Lebensstandard zu halten.“ Dieses Verhalten fanden nur 19 Prozent der Befragten akzeptabel, 76 Prozent meinten, es sei nicht zu verantworten. Man bekommt den Eindruck, dass manche Bürger - wie wohl auch manche politische Akteure - glauben, die finanziellen Regeln, die sie in ihrem privaten Umfeld mehrheitlich gut überblicken, hätten keine Gültigkeit mehr, wenn der Staat im Spiel ist und die Summen nur groß genug werden.

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