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Allensbach-Analyse : Was bedeutet „sparen“?

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Bild: Greser & Lenz

Die Euro-Krise hat das Bewusstsein für die Risiken der Staatsverschuldung erheblich geschärft. Gleichwohl bleiben die Deutschen gelassen: Bedrohlicher werden Privatschulden angesehen.

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          Wenn sich die Sprache verändert, verändert sich die Gesellschaft. Deswegen lohnt es sich, der Sinnverschiebung nachzugehen, die der Begriff „Sparen“ durchgemacht zu haben scheint. „Sparen“, sagte einmal der frühere Stuttgarter Oberbürgermeister Manfred Rommel, „heißt, Geld, das man hat, nicht auszugeben.“ Und er fuhr fort: „Bei uns aber geht es darum, Geld, das wir nicht haben, nicht auszugeben, und das nennt man Realismus.“

          Nach dieser Definition wird in fast keinem Land Europas gespart. Im Gegenteil: Jahr für Jahr geben die Staaten Milliarden Euro mehr aus, als sie einnehmen. Und doch vergeht kaum ein Tag, an dem nicht jemand in der Öffentlichkeit ein „Ende des Sparkurses“ fordert. Was also bedeutet „sparen“ für die Bevölkerung? Werden an den Umgang mit öffentlichen Kassen vielleicht andere Maßstäbe angelegt als an den privaten Umgang mit Geld? Das sind Fragen, denen das Institut für Demoskopie Allensbach in der jüngsten Repräsentativumfrage im Auftrag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nachgegangen ist. Die Ergebnisse zeigen, dass der Blick der Deutschen auf die Staatsfinanzen nüchterner ist, als man vielleicht annehmen könnte.

          Bild: F.A.Z.

          Es spricht einiges dafür, dass die Euro-Krise das Bewusstsein der Deutschen für die Risiken der Staatsverschuldung im eigenen Land geschärft hat. Dies zeigen beispielsweise die Antworten auf die Frage „Wie bewerten Sie die finanzielle Lage des Staates, also die Einnahmen und die Schulden: Ist die finanzielle Lage Ihrer Meinung nach zurzeit sehr gut, gut, nicht so gut, gar nicht gut?“. Im Januar 2008 sagten 51 Prozent der Befragten, ihrer Ansicht nach sei die finanzielle Lage des Staates „nicht so gut“ oder „gar nicht gut“, nicht viel weniger, 42 Prozent, meinten, sie sei „sehr gut“ oder „gut“. Heute halten dagegen drei Viertel der Deutschen die Lage für „nicht so gut“ oder „gar nicht gut“, nur noch 19 Prozent äußern sich positiv.

          Noch deutlicher wird das Ergebnis, wenn man der Frage die Information voranstellt, dass Deutschland zurzeit rund 2 Billionen Euro Schulden hat. Unter dem Eindruck dieser Zahl entscheiden sich 81 Prozent für eine negative, nur 16 Prozent für eine positive Bewertung der Situation.

          Die Deutschen betrachten die Staatsschulden heute mit größerem Misstrauen als früher. Im Januar 1979 stellte das Institut für Demoskopie Allensbach zum ersten Mal eine Frage, mit der die Grundhaltung der Bevölkerung hierzu erfasst werden sollte. Die Interviewer überreichten ein Bildblatt, auf dem zwei Personen im Schattenriss dargestellt waren. Jeder Figur war eine Sprechblase zugeordnet. Die eine Person sagte: „Ich finde es unverantwortlich, wenn der Staat weiter so hohe Schulden macht, denn unsere Kinder müssen das eines Tages unter Opfern wieder in Ordnung bringen.“

          Die Gegenposition lautete: „Ich finde es nicht so schlimm, wenn der Staat Schulden hat. Ein gewisses Maß an Schulden hat jeder Staat; wir haben bisher mit diesen Schulden ganz gut gelebt und werden das auch in Zukunft können.“ 49 Prozent der Befragten stimmten damals der ersten, 37 Prozent der zweiten Position zu. Heute dagegen antworten auf dieselbe Frage 70 Prozent, sie fänden es unverantwortlich, weiter Schulden zu machen wie bisher. Nur noch 21 Prozent widersprechen.

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