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Allensbach-Analyse : Was bedeutet „sparen“?

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Die Antworten auf die Frage, welche Sparmaßnahmen sinnvoll seien, werfen ein Licht darauf, wie in der Öffentlichkeit über dieses Thema diskutiert wird. Bei der Hälfte der zur Auswahl gestellten Maßnahmen handelte es sich nämlich nicht um Sparvorschläge, sondern um Ideen, wie der Staat mehr Geld einnehmen kann, und diese Punkte fanden im Durchschnitt kaum weniger Zustimmung als die Kürzungsvorschläge. Hier zeichnet sich ein bemerkenswertes Begriffsverständnis ab: Der Unterschied zwischen Sparen und Einnehmen verschwimmt, offenbar ohne dass es den Bürgern aufzufallen scheint. Ein Privatmann käme wohl kaum auf den Gedanken, dass er spart, indem er seinen Arbeitgeber um eine Gehaltserhöhung bittet. Das gleiche Verhalten in der Politik wird aber anscheinend als „sparen“ akzeptiert. Mit Rommels Definition hat dieses Verständnis nicht mehr viel zu tun.

Privat und Öffentlich: Unterschiedlicher Umgang

Anscheinend driften die Vorstellungen von den Regeln im Umgang mit Geld im privaten und öffentlichen Bereich auseinander. In einer Frage hieß es: „Stellen Sie sich einmal vor, ein Staat hat hohe Schulden, aber gleichzeitig hohe Ausgaben, zum Beispiel um ärmere Menschen zu unterstützen oder Straßen zu bauen. Nun steht er vor der folgenden Wahl: Entweder der Staat baut die Schulden ab, dafür würde der Lebensstandard in diesem Land eine Zeitlang sinken, oder der Staat versucht, den Lebensstandard zu halten, und nimmt dafür neue Schulden auf. Was sollte der Staat Ihrer Meinung nach tun?“ Die Befragten zeigten sich bei dieser Frage verunsichert. Eine relative Mehrheit von 40 Prozent meinte, der Staat solle die Schulden abbauen und den für eine Zeit sinkenden Lebensstandard in Kauf nehmen, 20 Prozent sprachen sich für neue Schulden aus, 40 Prozent blieben unentschieden.

Ganz anders sehen die Reaktionen aus, wenn man den Befragten eine Einzelperson vor Augen stellt: „Stellen Sie sich einmal vor, jemand hat hohe Schulden, aber gleichzeitig hohe Ausgaben, zum Beispiel für seine Miete und seinen Lebensunterhalt . . .“ Hier sagten 91 Prozent der Befragten, der Schuldner müsse seine Schulden zurückzahlen und sinkenden Wohlstand in Kauf nehmen. Nur zwei Prozent fanden es akzeptabel, dass er neue Schulden aufnimmt, um seinen Lebensstandard zu halten.

Auch die tatsächlichen Staatsschulden Deutschlands werden als weniger bedrohlich wahrgenommen als vergleichbare Schulden einer Privatperson. Einem Teil der Befragten wurden einige Zahlen präsentiert, ohne darauf hinzuweisen, dass es sich um die - grob gerundeten - tatsächlichen Daten des Bundeshaushalts 2012 handelte. „Ein Staat“, hieß es in dem Fragetext, „nimmt 280 Milliarden Euro im Jahr ein. Gleichzeitig gibt er aber 310 Milliarden aus und muss so jedes Jahr 30 Milliarden Schulden aufnehmen, um den Lebensstandard im Land zu halten.“ 29 Prozent der Befragten sagten, sie fänden eine solche Verschuldung „gerade noch vertretbar“ oder gar „völlig in Ordnung“, 57 Prozent meinten, eine solche Haushaltsplanung sei nicht zu verantworten.

Einem anderen Teil der Befragten wurden die gleichen Zahlenverhältnisse präsentiert, aber dieses Mal als das Budget einer Privatperson. Hier hieß es: „Jemand verdient 28 000 Euro im Jahr. Gleichzeitig gibt er aber 31 000 Euro aus und muss somit jedes Jahr 3000 Euro Schulden aufnehmen, um seinen Lebensstandard zu halten.“ Dieses Verhalten fanden nur 19 Prozent der Befragten akzeptabel, 76 Prozent meinten, es sei nicht zu verantworten. Man bekommt den Eindruck, dass manche Bürger - wie wohl auch manche politische Akteure - glauben, die finanziellen Regeln, die sie in ihrem privaten Umfeld mehrheitlich gut überblicken, hätten keine Gültigkeit mehr, wenn der Staat im Spiel ist und die Summen nur groß genug werden.

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