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Allensbach-Analyse : Stille Liebe zur Planwirtschaft

  • -Aktualisiert am

Staatliche Eingriffe, wie der geplante Mindestlohn, finden im Volk eine Mehrheit Bild: dapd

Was halten die Deutschen wirklich von der Marktwirtschaft? Machen die Wachstumserfolge und das Ende der Planwirtschaft die Menschen zu Musterkapitalisten? Eine Umfrage mit erstaunlichen Ergebnissen.

          Vermutlich ist heute nur noch wenigen Menschen bewusst, wie mühsam es für Ludwig Erhard war, als Leiter der Wirtschaftsverwaltung in den westlichen Besatzungszonen und später als Wirtschaftsminister in den Gründerjahren der Bundesrepublik Deutschland das Prinzip der sozialen Marktwirtschaft durchzusetzen. Nicht nur in der SPD und der KPD, sondern auch in weiten Teilen der Unionsparteien herrschte zunächst die Überzeugung vor, es sei notwendig, wesentliche Teile des Wirtschaftslebens staatlicher Kontrolle und Lenkung zu unterwerfen. Und auch der Bevölkerung war der Gedanke, dass das freie Spiel von Angebot und Nachfrage mehr Wohlstand schaffen könnte als eine zentral gesteuerte Wirtschaft, offensichtlich fremd. Im Dezember 1948, knapp ein halbes Jahr nach der Währungsreform, stellte das Institut für Demoskopie Allensbach in einer seiner ersten Repräsentativumfragen die Frage „Sollen Ihrer Ansicht nach die Behörden die Preise wieder kontrollieren?“ 70 Prozent sprachen sich für eine Rückkehr zu staatlichen Preiskontrollen aus. Von diesen Befragten sagten wiederum 71 Prozent, dass sie dies auch dann befürworten würden, wenn dadurch das Angebot in den Geschäften schlechter würde.

          Mit großem Aufwand wurde in den folgenden Jahren versucht, den Bürgern das Prinzip der Marktwirtschaft näherzubringen. Ein Beispiel sind die aufwendigen Werbekampagnen der Organisation „Die Waage“, die Anzeigen in Zeitungen und Zeitschriften schaltete. Der Erfolg hielt sich in Grenzen. Als das Allensbacher Institut im Jahr 1969 die Frage „Sollen Ihrer Ansicht nach die Behörden die Preise wieder kontrollieren?“ wiederholte, sprachen sich immer noch 60 Prozent der Westdeutschen dafür aus.

          Heute dagegen ist man geneigt anzunehmen, das Prinzip der sozialen Marktwirtschaft stünde als solches nicht mehr zur Disposition, der politische Streit drehe sich nur noch um Detailfragen ihrer konkreten Ausgestaltung. Ein Analytiker einer politischen Stiftung sagte kürzlich im persönlichen Gespräch, nach seinem Eindruck verfüge die Bevölkerung trotz aller wohlfeilen Forderungen nach sozialer Umverteilung, Mindestlöhnen und der Verstaatlichung von Energienetzen über so etwas wie einen „ordnungspolitischen Kompass“. Instinktiv wüssten die Menschen, dass eine freie Wirtschaft auch für sie persönlich mehr Wohlstand bedeute als eine staatlich gelenkte Ökonomie.

          Misstrauen gegenüber der freien Wirtschaft

          Doch stimmt das? Die Ergebnisse der aktuellen Umfrage im Auftrag dieser Zeitung bestätigen die Vermutung nicht. Sie deuten eher darauf hin, dass weder das Wirtschaftswunder noch das Scheitern der sozialistischen Ökonomien in Ostmitteleuropa der stillen Zuneigung der Deutschen zur Wirtschaftsplanung etwas anhaben konnten. Es gibt sogar Anzeichen dafür, dass marktwirtschaftliche Prinzipien an Akzeptanz verlieren.

          Seit etwa 20 Jahren wächst die Unzufriedenheit der Deutschen mit der sozialen Lage im Land. Das wird erkennbar an den Antworten auf die Frage „Sind die wirtschaftlichen Verhältnisse bei uns in Deutschland – ich meine, was die Menschen besitzen und was sie verdienen – im Großen und Ganzen gerecht oder nicht gerecht?“. Von 1964 bis Anfang der neunziger Jahre hielten sich die Anteile derjenigen, die sagten, die Verhältnisse seien gerecht, und die Zahl derer, die sie für nicht gerecht ansahen, ungefähr die Waage. Seitdem aber steigt – von kurzfristigen Schwankungen abgesehen – der Anteil derer, die die Verhältnisse für nicht gerecht halten, kontinuierlich. Heute liegt er bei 65 Prozent. Nur noch 18 Prozent widersprechen ausdrücklich.

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