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Allensbach-Analyse : Liberalismus ohne Zukunft?

  • -Aktualisiert am

Bundepräsident Gauck überreicht Außenminister Guido Westerwelle am Dienstag die Entlassungsurkunde - vorerst bleibt der FDP-Politiker aber geschäftsführend im Amt. Auf eine mögliche Rückkehr in den Bundestag muss er aber mindestens vier Jahre Bild: AP

Würde der Bundestag jetzt neu gewählt, wäre die AfD wohl drin,  die FDP aber müht sich weiter an der Fünf-Prozent-Hürde. Viele Bürger sehnen sich weiter nach einer liberalen Partei im Bundestag - aber das müssen nicht die Freien Demokraten sein.

          Nicht nur die Parteien laborieren noch an den Folgen der Bundestagswahl, sondern auch die Bürger. Die Mehrheit ist nach wie vor mit dem Ausgang unzufrieden: Lediglich 35 Prozent gefällt im Rückblick das Wahlergebnis, 51 Prozent wäre ein anderes Ergebnis lieber. Nur unter den Anhängern der Unionsparteien ist die große Mehrheit zufrieden; doch selbst von ihnen kann sich jeder Vierte mit dem Ergebnis nicht anfreunden.

          Gleichzeitig würde eine Neuwahl aller Voraussicht nach ebenfalls zu einer großen Koalition führen – allerdings bei einem breiteren Parteienspektrum im Parlament. Unionsparteien und SPD liegen in der Wählergunst gegenüber ihrem Wahlergebnis weitgehend unverändert, genauso die Linke; die Grünen sind minimal gestärkt. Die AfD würde jetzt mit hoher Wahrscheinlichkeit in den Bundestag einziehen, auch die FDP hätte eine Chance.

          Die im Bundestag vertretenen Parteien repräsentieren nach dem Eindruck vieler Bürger ein zu enges Spektrum. Nur 55 Prozent ziehen die Bilanz, dass diese Parteien die wichtigen Themen und Positionen ausreichend repräsentieren. Diejenigen, die bestimmte Positionen vermissen, denken dabei jedoch an ganz unterschiedliche Themen: von Altersarmut und Generationengerechtigkeit über Steuerpolitik, Bildungspolitik, Europa-Themen, Asylpolitik und Zuwanderungsfragen bis zu Datenschutz und Familienpolitik. Knapp 2 Prozent führen spontan europakritische Positionen an, ebenfalls knapp 2 Prozent explizit liberale Standpunkte.

          Der Kreis, der bedauert, dass es AfD und FDP nicht über die Fünf-Prozent-Hürde geschafft haben, ist deutlich größer, aber in beiden Fällen eine Minderheit. 19 Prozent bedauern, dass die AfD nicht im Bundestag vertreten ist, 22 Prozent bedauern das Ausscheiden der FDP. Bemerkenswert ist, dass der FDP erkennbar mehr Animositäten entgegengebracht werden als der AfD: 42 Prozent begrüßen das Scheitern der FPD ausdrücklich, nur 29 Prozent das der AfD. Am größten ist die Genugtuung über das Ausscheiden der FDP bei den Wählern der Linken (83 Prozent), mit einigem Abstand gefolgt von den Wählern der SPD (65 Prozent).

          Das Scheitern der FDP ist eine politische Zäsur. Negative Prognosen für die FDP haben Konjunktur – mehr als für die AfD. Prüft man, was an Identifikation und Wohlwollen gegenüber der FDP noch vorhanden ist, ergibt sich ein ambivalentes Bild. Der Kreis derer, die die FDP bei den Parteisympathien auf den ersten Rang setzen, war im Verlauf der Legislaturperiode von gut 9 auf weniger als 2 Prozent zusammengeschmolzen. Auch jetzt sind es nur knapp 2 Prozent; immerhin 12 Prozent setzen sie jedoch auf den zweiten Rang. Die AfD ist im Vergleich dazu für knapp 5 Prozent die sympathischste Partei, weitere 5 Prozent setzen sie auf Rang 2.

          Unter dem Eindruck des Wahlergebnisses hat sich zunächst das Potential für die Liberalen vergrößert. 2012 konnten sich nur noch 11 Prozent der Bürger vorstellen, künftig bei irgendeiner Wahl wieder für die FDP zu stimmen, aktuell 16 Prozent. In Bezug auf die AfD können sich 19 Prozent vorstellen, sie künftig bei einer Wahl zu unterstützen.

          Knapp ein Fünftel der Bürger ist überzeugt, dass das Land die FDP braucht, 17 Prozent ist es wichtig, dass sie wieder im nächsten Bundestag vertreten ist. Der Zeitvergleich zeigt auch hier die gravierende Schwächung ihrer Position: Mitte der neunziger Jahre wie auch Mitte des vergangenen Jahrzehnts war es annähernd 30 Prozent der Bürger wichtig, dass die FDP im Bundestag vertreten ist (Schaubild 1).

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