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Allensbach-Analyse : Folgenlose Ängste

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Aussortierte Festplatten bei Google in Belgien: Internetnutzer schreiben dem Konzern häufig eine große Macht zu Bild: dpa/Google

Die Vorteile des Internets lassen die Sorgen über den Datenschutz oft in den Hintergrund treten. Obwohl die Risiken längst bekannt sind, möchten viele Menschen auf bestimmte Nutzungsoptionen nicht verzichten.

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          Was Menschen interessiert, welche Informationen sie nachfragen, was sie kaufen, zu wem sie Kontakt haben – all dies ist heute auf eine Weise transparent, wie noch nie zuvor. Jede Nutzung des Internets hinterlässt Spuren, die gesammelt und zumindest teilweise verwertet werden. Die Nutzer wissen das. 86 Prozent der Internetnutzer und 92 Prozent der Mitglieder sozialer Netzwerke gehen davon aus, dass ihre Aktivitäten, Suchbegriffe und Transaktionen in der Regel gespeichert werden. Die überwältigende Mehrheit sieht diese Praxis grundsätzlich kritisch. 70 Prozent der Internetnutzer finden es nicht in Ordnung, wenn Unternehmen in größerem Umfang Daten über ihre Kunden sammeln und auswerten. 70 Prozent stören sich daran, dass die gesammelten Profile für eine individuell zugeschnittene Werbung genutzt werden.

          Nicht jeder, der das Sammeln der Daten kritisch sieht, fühlt sich dadurch jedoch persönlich betroffen. Immerhin 42 Prozent der Nutzer machen sich persönlich erhebliche Sorgen. Gut jeder dritte Internetnutzer ist sogar überzeugt, dass man ihm ernsthaft schaden könnte. Von denjenigen, welche die Aufzeichnung ihrer Kommunikation und Transaktionen stark beunruhigt, halten dies sogar 61 Prozent für möglich. Angesichts dieser Besorgnis wäre zu erwarten, dass in der Bevölkerung eine leidenschaftliche Debatte über Datenschutz geführt wird und viele auch vor der Nutzung bestimmter Dienste und Transaktionen im Netz zurückschrecken. Die Analyse der Nutzungsmuster zeigt jedoch, dass diejenigen, die sich über die Speicherung und Verwendung ihrer Daten große Sorgen machen, das Internet kaum weniger oder selektiver nutzen als die unbesorgten Nutzer. So nehmen um ihre Daten besorgte wie unbesorgte Internetnutzer im selben Umfang die Suchmaschine Google in Anspruch; sie wird von nahezu allen genutzt, von 45 Prozent der besorgten und 46 Prozent der unbekümmerten Nutzer täglich. Auch die Nutzung von Onlinebanking korreliert kaum mit Sorgen über den Datenschutz; besorgte Nutzer wickeln sogar überdurchschnittlich häufig Bankgeschäfte online ab.

          Risiken werden als abstraktes Thema wahrgenommen

          Bei sozialen Netzwerken sind besorgte Nutzer zwar unterdurchschnittlich Mitglied, aber die Abweichungen sind keineswegs gravierend: 47 Prozent aller Internetnutzer sind Mitglied in einem oder mehreren sozialen Netzwerken, auch 42 Prozent der um ihre Daten besorgten Nutzer. Die Besorgnis vieler Nutzer führt damit kaum zu Ausweichbewegungen und dem Verzicht auf bestimmte Nutzungsoptionen. Der wesentliche Grund ist der Nutzen, der aus den neuen Informations- und Transaktionsmöglichkeiten gezogen wird. Die Reaktion auf Nachteile oder Risiken hängt in hohem Maße davon ab, wieweit ihnen Vorteile und Gratifikationen gegenüberstehen. In Bezug auf die dominierende Suchmaschine Google fällt die Bilanz der Internet-Community hier völlig eindeutig aus: 71 Prozent sehen in der Nutzung von Google vor allem Vorteile, 2 Prozent überwiegend Nachteile; für 23 Prozent halten sich Gratifikation und Nachteile die Waage.

          Auch in den Augen der Besorgten überwiegen in der Regel die Gratifikationen der Suchmaschine, während nur 4 Prozent überwiegend Nachteile sehen. Der Nutzen wird zudem im Alltag konkret erlebt, während die Risiken für die meisten eher ein medienvermitteltes und oft abstraktes Thema sind. Google wird von der überwältigenden Mehrheit vor allem mit dem raschen Zugang zu allen gewünschten Informationen gleichgesetzt, auch zu Informationen, an die man früher kaum herangekommen wäre. 90 Prozent assoziieren mit der Suchmaschine den raschen Zugang zu allen gewünschten Informationen, 69 Prozent die Möglichkeit, auch an Informationen zu kommen, die früher nicht zugänglich waren. Knapp zwei Drittel aller Internetnutzer ziehen kurz und bündig die Bilanz, Google mache das Leben leichter. Nur 30 Prozent macht die Nutzung Spaß, nur 27 Prozent können sich nicht mehr vorstellen, ohne Google auszukommen.

          Als Risiken und Nachteile sehen die Nutzer vor allem die Sammlung der Daten durch die Suchmaschine, ihre Macht und Dominanz. Knapp jeder Zweite diagnostiziert eine nahezu monopolistische Stellung, ohne ernsthafte Konkurrenz. 54 Prozent schreiben Google große Macht zu. 58 Prozent ist bewusst, dass Google viele Daten seiner Nutzer sammelt. Angesichts der in den vergangenen Monaten intensiv geführten öffentlichen Debatte ist es jedoch bemerkenswert, dass gut vier von zehn Internetnutzern und auch 40 Prozent derjenigen, die täglich Google in Anspruch nehmen, nicht bewusst ist, dass sie für die kostenlose Nutzung gleichsam mit ihren Daten bezahlen. Noch kleiner ist der Kreis derjenigen, die das Geschäftsmodell verstanden haben. Nur jeder dritte Nutzer der Suchmaschine geht davon aus, dass Google Geschäfte mit den Daten und Profilen der Nutzer macht. Dass durch Google Datenschutzbestimmungen missachtet werden, glaubt gut jeder vierte Nutzer, an eine regelrechte Überwachung 28 Prozent.

          Informationsdefizite sind bemerkenswert

          Auch denjenigen, die sich über ihre Daten im Netz Sorgen machen, ist nur teilweise bewusst, dass Suchmaschinen von den Daten der Nutzer leben. Da dieser Sachverhalt keineswegs kaschiert wird, sind diese Informationsdefizite bemerkenswert. Sie führen zwangsläufig zu der Frage, wie intensiv sich die Bürger bei aller bekundeten Betroffenheit mit dem Thema auseinandersetzen und wie ernst es ihnen mit einem wirksamen Datenschutz ist: Wenn das Sammeln und die Auswertung einem aus der Sicht der Bürger nachvollziehbaren guten Zweck dienen, hat die Mehrheit keine Einwände. Das gilt insbesondere, wenn der Staat zur Aufklärung von Straftaten Telefon- oder Internetverbindungen auswertet, aber auch, wenn die Daten helfen, Investitionen und Ressourcen besser zu planen. Die Mehrheit hat keine Probleme damit, wenn Unternehmen (speziell Pharmafirmen) Beiträge in Diskussionsforen im Netz auswerten, um dadurch Produkte zu verbessern. Auch die Sammlung durch Behörden wird unterstützt, wenn Behördengänge vereinfacht werden.

          Bemerkenswert ist jedoch, dass 52 Prozent auch die Sammlung und Auswertung von Daten durch Unternehmen akzeptieren, wenn dies dazu dient, die Kunden auf Produkte aufmerksam zu machen, die in ihren Interessenbereich fallen. Dies ist exakt das Geschäftsmodell, das Suchmaschinen für werbetreibende Unternehmen einsetzen. Dieselben Personen, die eine Nutzung von individuellen Profilen für zielgenaue Werbung mit großer Mehrheit als störend einstufen, können sich mehrheitlich genau dafür erwärmen, wenn nicht von individualisierter Werbung, sondern von auf die Interessen der Nutzer abgestimmten Produktinformationen die Rede ist. Die Haltung zur Sammlung und Verwertung von Daten hängt davon ab, ob die Menschen sich davon mehr Nutzen als Risiken versprechen.

          Die Risikowahrnehmung tritt in den Vordergrund, wenn es um die Nutzung von Adressen und Kontoverbindungen geht oder Daten zur Einschätzung der Bonität von Kunden. So halten es nur 28 Prozent für akzeptabel, wenn bei Käufen im Internet Adressen, Kreditkartennummern und Kontodaten gespeichert werden. Noch größer ist die Ablehnung gegenüber der Sammlung und Verwendung von Daten, die helfen, die Kreditwürdigkeit von Verbrauchern einzuschätzen. Nur jeder Fünfte hält dies für akzeptabel. Hier urteilen auch junge Internetnutzer nicht anders, die ansonsten mit der Sammlung von Daten weitaus weniger Probleme haben als der Durchschnitt der Bevölkerung. So ist es für zwei Drittel der unter 30-Jährigen in Ordnung, wenn Unternehmen individuelle Interessenprofile nutzen, um auf Produkte aufmerksam zu machen. 49 Prozent akzeptieren die Nutzung von Daten, wenn Internetseiten ihre Nutzer dadurch auf andere Beiträge oder Seiten aufmerksam machen, die sie interessieren könnten. 39 Prozent der Unter-30-Jährigen haben auch kein Problem mit der Speicherung von Adressen und Kontoverbindungen, wenn dadurch der persönliche Aufwand bei Bestellungen vermindert wird.

          Viele in der jungen internetaffinen Generation geben besonders in sozialen Netzwerken sehr unbefangen persönliche Informationen preis, ohne die Risiken in den Blick zu nehmen. Gleichzeitig ist die junge Generation besonders skeptisch, ob Bemühungen um einen wirksamen Datenschutz im Netz Aussicht auf Erfolg haben. 39 Prozent der Bürger insgesamt, aber 50 Prozent der unter 30-Jährigen bezweifeln, dass sich gegenüber Unternehmen wie Google und Facebook ein wirksamer Datenschutz nach europäischen Standards durchsetzen lässt. Nur jeder Dritte ist zuversichtlich.

          Ein Hebel für einen wirksameren Datenschutz wäre die Veränderung des Geschäftsmodells. Wenn die Nutzer bereit wären, für die bezogenen Informationen zu zahlen und dafür den Schutz ihrer Daten einzufordern, würde dies die wirtschaftlichen Voraussetzungen für die Informationsanbieter im Netz verändern. In der Abwägung zwischen der kostenlosen Nutzung von Informationen und der kostenpflichtigen Nutzung, verbunden mit dem Schutz der persönlichen Daten, entscheiden sich 32 Prozent für das Bezahlmodell, 31 Prozent für die kostenlose Nutzung und Freigabe ihrer Daten für Werbezwecke; 37 Prozent sind in dieser Frage unschlüssig. Bei der Frage, wieweit hier von der Politik ein verstärktes Engagement für den Datenschutz erwartet wird, trennt die Bevölkerung scharf zwischen mehr Vorgaben und Regeln für den Umgang mit persönlichen Daten und Eingriffen in die Freiheit im Netz. 67 Prozent der Bevölkerung, auch 60 Prozent der unter 30-Jährigen, halten es für notwendig, dass die Politik gegenüber Unternehmen versucht, Standards durchzusetzen, welche Daten gespeichert und gesammelt werden dürfen.

          Gleichzeitig hält nur jeder Fünfte mehr staatliche Eingriffe und Kontrollen ins Internet für notwendig. Der Kreis derjenigen, die dem Staat unzureichende Regulierung vorwerfen, hat sich in den vergangenen vier Jahren sogar von 41 auf 21 Prozent halbiert. 11 Prozent empfinden die Regulierungsbemühungen und -überlegungen bereits als zu weit gehend. Fast die Hälfte der Bürger traut sich hier allerdings kein Urteil zu. Die Bürger beteiligen sich bisher nur begrenzt an den Debatten über die gesellschaftlichen und ökonomischen Veränderungen durch das Internet. In dem auf Kosten- und Nutzenerwägungen ausgerichteten Zeitklima kommen viele Themen von großer Tragweite zu kurz.

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