https://www.faz.net/-gpf-weqc

Allensbach-Analyse : Die Sogwirkung der Linkspartei

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Die Erfolge der Linkspartei in Ost und West zwingen andere Parteien dazu, sich auf die offensichtliche Neuausrichtung der Wählerschaft einzustellen. Zwar haben die Bemühungen etwa der SPD, Schröders Reformpolitik vergessen zu machen, bisher wenig gefruchtet. Dennoch ist zu erwarten, dass sie sich verstärkt über linke Positionen zu profilieren versucht.

          5 Min.

          Der Einzug der Linken in die Landesparlamente von Hessen und Niedersachsen ist von vielen Bürgern als weiteres Indiz für einen generellen Linksruck gedeutet worden. Gemessen an den Sympathien, die diese Partei im Bundesdurchschnitt aufgrund der starken Position in den neuen Ländern genießt, wirken die Wahlerfolge in den beiden westdeutschen Bundesländern geradezu bescheiden. Die Linke ist jetzt mit fast 30 Prozent in Ostdeutschland die stärkste Partei; zusammen mit den 8 Prozent der Wahlberechtigten, von denen sie in Westdeutschland unterstützt wird, ergibt sich ein deutsches Durchschnittsergebnis von knapp 12 Prozent.

          Der Trend zur Linkspartei markiert bisher keine allgemeine Renaissance linker Parteien. Das von Sondereffekten bestimmte hessische Wahlergebnis verdeckt zum Teil, dass es der SPD trotz aller Anstrengungen bisher nicht gelingt, Terrain zurückzugewinnen und wieder verstärkt als die Sachwalterin linker Positionen anerkannt zu werden. Sie liegt zurzeit bei den Erst- wie Zweitstimmenwahlabsichten unter 30 Prozent. Keiner anderen Partei stellt die Bevölkerung für die Zukunft eine ähnlich negative Prognose: 40 Prozent der Bevölkerung gehen von einem sinkenden Rückhalt der SPD aus, nur 25 Prozent erwarten einen Anstieg ihrer Popularität.

          Brüchiges Fundament

          Der Linkspartei trauen dagegen 55 Prozent der Bürger zu, dass sie ihre Position in Zukunft weiter ausbauen kann. Die Anhänger der Linken sind so sicher wie die Anhänger keiner anderen Partei, dass die Zeit für sie arbeitet und der Rückhalt in der Gesellschaft weiter wächst: 93 Prozent der Anhänger der Linken sind überzeugt, dass ihre bevorzugte Partei künftig weiter an Bedeutung gewinnen wird.

          In der breiten Bevölkerung fallen die Reaktionen auf die Erfolge der Linkspartei bei den Landtagswahlen keineswegs so einmütig erschrocken aus wie die öffentlichen Reaktionen von Politik und Medien. Zwar bewerten 42 Prozent der Bevölkerung den Einzug dieser Partei in die Landesparlamente negativ; 33 Prozent der gesamten Bevölkerung begrüßen diese Entwicklung jedoch ausdrücklich, in Westdeutschland 28 Prozent, in Ostdeutschland 55 Prozent. Bei den Anhängern der SPD halten sich positive und negative Wertungen annähernd die Waage, bei den Anhängern der Grünen überwiegt klar das Wohlwollen gegenüber der - zumindest in Westdeutschland neuen - Konkurrenz im linken Spektrum. Schon hier zeigt sich, wie brüchig das Fundament für eine Ablehnung von Bündnissen von SPD und Grünen mit der Linkspartei ist.

          Die Identifikation der Anhänger der Linkspartei mit ihr ist bemerkenswert. Während ihr Bild in der breiten Bevölkerung vor allem von den Einschätzungen bestimmt ist, sie verspreche vieles, was sie nicht halten könne, sei eigentlich eine Ostpartei und sehr weit links verortet, sehen die eigenen Anhänger ihre Partei vor allem als Anwalt sozialer Gerechtigkeit, der kleinen Leute und Benachteiligten und als Bastion gegen weitere Korrekturen am Sozialstaat. 88 Prozent der eigenen Anhänger schreiben der Linkspartei zu, dass sie sich für soziale Gerechtigkeit einsetzt, 85 Prozent sehen sie als Stütze der kleinen Leute, 77 Prozent als Anwalt der Benachteiligten in der Gesellschaft. 64 Prozent erhoffen sich von der Linkspartei, dass sie den Sozialstaat verteidigt.

          Weitere Themen

          Erdogan lenkt uns mit dem Seiltänzer ab

          Brief aus Istanbul : Erdogan lenkt uns mit dem Seiltänzer ab

          Wie mit einem alten Straßenräubertrick versucht der türkische Präsident, den Blick von der Wirtschaftslage abzulenken. Seine Regierung hat den Menschen nichts mehr zu bieten – außer dumpfe Identitätspolitik.

          Politiker erhalten rechtsextremistische Drohbriefe

          In Niedersachsen : Politiker erhalten rechtsextremistische Drohbriefe

          Mehrere niedersächsische Politiker haben Briefe mit Pulver und Drohungen erhalten. Betroffen ist unter anderem das Büro des Grünen Jürgen Trittin. Innenminister Pistorius spricht von Einschüchterungsversuchen mit „rechtsextremistischer Propaganda“.

          Topmeldungen

          Aufgebahrt in einem goldenen Sarg: George Floyd.

          Tod von George Floyd : Kollektives Trauern

          Neun Schweigeminuten und bewegende Reden: In Minneapolis haben Politiker und Angehörige um Gorge Floyd getrauert. Den Bürgerrechtler Al Sharpton stimmt es hoffnungsvoll, dass auch in Deutschland viele junge Menschen gegen Rassismus auf die Straße gehen.
          Trotz Staatshilfen: Lufthansa fliegt au dem Dax

          Nach 32 Jahren : Lufthansa fliegt aus dem Dax

          Trotz Staatshilfen in Höhe von 9 Milliarden Euro muss die größte Fluggesellschaft in Deutschland ihren Platz im Dax räumen. An deren Stelle tritt eine Wohnungsgesellschaft.

          Corona-Politik in Moskau : Das Virus des Westens

          Russland in Siegesstimmung: Moskau verordnet sich neue Quarantäneregeln. Einige sind freilich so absurd, dass sie auf Youtube parodiert werden. Und Polizisten fühlen sich ohnehin nicht an sie gebunden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.