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Allensbach-Analyse : Die Angst vor Veränderung

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In einer solchen Lage suchen Menschen nach etwas, an dem sie sich festhalten können. Es spricht einiges dafür, dass dies einer der wesentlichen Gründe für den derzeit wachsenden Zulauf zur AfD ist. Jedenfalls scheint das Gefühl der Orientierungslosigkeit bei den Anhängern dieser Partei besonders stark zu sein. So sagen die Anhänger von CDU/CSU und SPD zu 55 beziehungsweise 51 Prozent, ihrer Meinung nach lebten wir in einer besonders unsicheren Zeit, von den AfD-Anhängern vertreten dagegen 84 Prozent diese Meinung. Jeweils rund die Hälfte der Anhänger der Regierungsparteien, aber 73 Prozent der AfD-Anhänger machen sich Sorgen wegen der „allgemeinen Unsicherheit, wie es weitergeht“. Und während sich die Bevölkerung insgesamt zu 29 Prozent Sorgen macht, dass sich in ihrer Region vieles verändert und „die Gegend ihren Charakter verliert“, sind es unter den Anhängern der AfD 50 Prozent. Wahrscheinlich treibt weniger eine allgemeine konservative Strömung die Menschen in die Arme der AfD als vielmehr das Gefühl der Entwurzelung, der Eindruck, dass man sich auf die vertrauten Orientierungsmarken nicht mehr verlassen kann.

Damit stehen die relative Ruhe der vergangenen Jahre und die Verunsicherung der Gegenwart in engem Zusammenhang. Der atmosphärische Kontrast zwischen Januar 2015 und Januar 2016 ist nicht das Zeichen einer grundlegenden Neuorientierung, sondern Kennzeichen einer Gesellschaft, die sich mit der Gegenwart recht gut arrangiert hat und die sich deswegen vor Veränderungen fürchtet.

Dabei verweigern sich die meisten Menschen keineswegs jeglicher Veränderung. Bei allgemein formulierten Fragen zeigt sich die Bevölkerung sogar anders als noch in den achtziger Jahren recht fortschrittsfreundlich. Auf die Frage „Glauben Sie, dass der technische Fortschritt mehr Chancen oder mehr Risiken mit sich bringt?“ antworten heute 55 Prozent, sie sähen mehr Chancen, nur für 15 Prozent überwiegen die Risiken. Bei einer anderen Frage wurde das Thema Veränderungen noch direkter angesprochen. Sie lautete: „Wenn Veränderungen bevorstehen, was geht Ihnen da alles durch den Kopf: welche Risiken damit verbunden sind, was alles Schlimmes passieren kann, oder welche Chancen, was die Veränderungen alles Gutes mit sich bringen können?“ Nur 29 Prozent antworteten, beim Stichwort „Veränderungen“ dächten sie in erster Line an die damit verbundenen Risiken, 47 Prozent meinten, sie hätten vor allem die Chancen im Blick.

Stellt man jedoch etwas konkretere Fragen, ändert sich das Bild. Ein Beispiel ist die Frage: „Wenn jemand sagt: ,Alles in allem geht es Deutschland doch gut. Es wäre daher das Beste, wenn sich nicht viel ändern würde.‘ Sehen Sie das auch so, oder sehen Sie das nicht so?“ 47 Prozent antworteten darauf, sie sähen das auch so, 37 Prozent widersprachen. Noch deutlicher ist das Ergebnis einer Frage, bei der der Konflikt zwischen den gesellschaftlichen Zielen der Freiheit und einem möglichst sicheren und verlässlichen Leben zur Sprache kam. Den Befragten wurden zwei Argumente schriftlich präsentiert. Das erste lautete: „Ich finde Freiheit und möglichst große Sicherheit eigentlich beide wichtig. Aber wenn ich mich für eines davon entscheiden müsste, wäre mir die persönliche Freiheit am wichtigsten, dass also jeder in Freiheit leben und sich ungehindert entfalten kann.“ Die Gegenposition lautete: „Sicher sind Freiheit und möglichst große Sicherheit wichtig. Aber wenn ich mich für eines davon entscheiden müsste, fände ich eine möglichst große Sicherheit am wichtigsten, dass man also sicher, ohne Sorgen leben kann und keine finanziellen Zukunftsängste haben muss.“ 35 Prozent entschieden sich bei dieser Frage für die erste Position, eine klare Mehrheit von 54 Prozent wählte die zweite. Aufschlussreich sind auch hier die Antworten der AfD-Anhänger: Sie wählten zu 63 Prozent die Sicherheit und nur zu 22 Prozent die Freiheit - ein deutliches Zeichen dafür, wie weit entfernt die heutigen Anhänger der Partei von den wirtschaftsliberalen Vorstellungen ihrer Gründer stehen.

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