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Allensbach-Analyse : Das Verblassen der Linkspartei

  • -Aktualisiert am

Lafontaine kennen 96 Prozent aller Deutschen, den Parteivorsitzenden Ernst nur 28 Prozent Bild: dpa

Obwohl „Die Linke“ in Nordrhein-Westfalen indirekt an der Macht beteiligt ist und der Zeitgeist sich nach links orientiert, wächst die Skepsis gegenüber der Partei. Noch immer wiegt das Erbe der SED schwer, denn viele Deutsche bezweifeln die Demokratie innerhalb der Partei.

          Die politischen Ereignisse der letzten Monate hätten der Partei „Die Linke“ eigentlich zum endgültigen Durchbruch auch in Westdeutschland verhelfen müssen: Bei der Bundestagswahl 2009 erreichte sie das beste Ergebnis ihrer Geschichte und der ihrer Vorgängerparteien seit der Wiedervereinigung. Nach und nach zieht sie in die westdeutschen Länderparlamente ein, in Nordrhein-Westfalen hat sie nun sogar – wenn auch sehr indirekt durch Enthaltung – die Wahl von Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) ermöglicht und ist damit zum ersten Mal zu einem Entscheidungsfaktor in der westdeutschen Landespolitik geworden.

          Dies alles geschah ohne nennenswerte Aufregung in der Öffentlichkeit. Es ist gerade eineinhalb Jahre her, dass die Aussicht, eine rot-grüne Landesregierung könne von der Linkspartei abhängig sein, die SPD vor eine schwere Zerreißprobe stellte, die sie die Machtübernahme in Hessen kostete. Heute kann man beim Betrachten der Berichterstattung über Nordrhein-Westfalen den Eindruck gewinnen, eine Machtbeteiligung der Linkspartei in Westdeutschland sei etwas beinahe Normales.

          Bevölkerung stuft sich eher links als rechts ein

          Hinzu kommt, dass der Zeitgeist der „Linken“ in die Hände zu spielen schien. Bereits seit Ende der siebziger Jahre bewegte sich der politische Standort zunächst der westdeutschen, nach 1990 auch der ostdeutschen Bevölkerung – langsam, aber messbar – nach links. Anfang des vergangenen Jahrzehnts schien diese Entwicklung zum Stillstand gekommen zu sein, doch in jüngster Zeit hat sie sich wieder fortgesetzt: Auf einer Skala von null bis hundert, wobei null ganz links und hundert ganz rechts bedeutet, stuft sich die Bevölkerung heute selbst durchschnittlich bei 49 ein. Im Jahr 1976 lag der Durchschnittswert bei 55.

          Damit gewinnen auch die Positionen der Linkspartei für mehr und mehr Deutsche an Überzeugungskraft. So hat beispielsweise die Zahl derjenigen, die die wirtschaftlichen Verhältnisse in Deutschland als ungerecht empfinden, in den letzten Jahrzehnten dramatisch zugenommen. Kandidaten und Programm der „Linken“ waren bereits unmittelbar nach Gründung der Partei im Jahr 2007 so attraktiv, dass sie die Wähler selbst bis in die Kernanhängerschaft der SPD und der Grünen ansprachen. Im Juli 2007 ordneten selbst SPD-Anhänger die traditionelle sozialdemokratische Kompetenz der Verteidigung sozialer Gerechtigkeit eher der Linkspartei als der eigenen Partei zu.

          Schließlich hätte auch ihr Erfolg zu einer stärkeren Akzeptanz der Linkspartei bei den Anhängern anderer Parteien führen müssen. Aufschlussreich sind hier die Ergebnisse einer Repräsentativumfrage, die im Hamburger Bürgerschaftswahlkampf 2008 durchgeführt wurde. Zwischen zwei Befragungswellen, die im Dezember 2007 und im Januar/Februar 2008 stattfanden, gelang es der „Linken“ bei den Landtagswahlen in Hessen und Niedersachsen vom 27. Januar 2008 zum ersten Mal, in zwei Landtage westdeutscher Flächenstaaten einzuziehen. In der zweiten Befragungswelle, die unmittelbar nach den Wahlen stattfand, stieg die Zahl der Hamburger, die einen Einzug der „Linken“ in die Bürgerschaft ihrer Stadt befürworteten, von 26 auf 39 Prozent an.

          Skepsis der Bevölkerung nimmt zu

          Doch nun, nach dem auch von der „Linken“ ermöglichten Regierungswechsel in Nordrhein-Westfalen, ist nichts von einem Durchbruch in der Akzeptanz zu erkennen. Im Gegenteil: Die Skepsis der Bevölkerung gegenüber der Linkspartei nimmt sogar wieder etwas zu. Dies zeigen die Ergebnisse der jüngsten Repräsentativumfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag dieser Zeitung.

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