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Allensbach-Analyse : Alternative für Deutschland?

  • -Aktualisiert am

Ein Gesicht der neuen Partei: Sprecher Bernd Lucke. Bild: dpa

Die Sehnsucht nach der D-Mark hat über die Jahre stetig nachgelassen. Trotzdem können sich 17 Prozent der Wähler vorstellen, eine Partei wie die AfD zu unterstützen. Eine Allensbach-Analyse.

          6 Min.

          Seit dem vergangenen Wochenende hat Deutschland eine weitere Partei, die allerdings durch ihre Fokussierung auf ein Ziel, die Auflösung der Euro-Zone, einer Bürgerinitiative ähnelt. Der Name „Alternative für Deutschland“ ist eine Kampfansage an die wiederholt als alternativlos apostrophierte Politik zur Stabilisierung der Euro-Zone. Politische Bewegungen, die sich gegen die europäische Integration und speziell die Gemeinschaftswährung richten, sind kein spezifisch deutsches Phänomen und auch in Deutschland nicht gänzlich neu. Bisher verharrten die Protagonisten in Deutschland jedoch im vorparlamentarischen Raum und konnten kaum aktive Unterstützung mobilisieren. Die Frage ist, ob die seit zwei Jahren andauernde Krise in der Euro-Zone einer solchen Bewegung heute größere Chancen bietet als bisher.

          Deutschland hat, anders als die Länder, die zu harten Anpassungsmaßnahmen gezwungen sind, in den vergangenen Jahren keine nennenswerten Manifestationen antieuropäischer Ressentiments erlebt, auch keine lauten Proteste gegen die Mitgliedschaft in der Währungsunion. Das heißt aber keineswegs, dass die Krise die Bürger nicht beunruhigt. Die Hälfte der gesamten Bevölkerung ist zurzeit über die Krise stark beunruhigt. Ende 2011 waren es sogar annähernd zwei Drittel. Danach schwächte sich die Besorgnis allmählich ab bis auf 41 Prozent am Jahresbeginn 2013. Unter dem Eindruck der Zypern-Krise wurde den Bürgern jedoch jäh wieder bewusst, dass die vorübergehende Beruhigung noch keine Lösung der Probleme bedeutet. Dies stoppte den Trend und ließ die Besorgnis wieder ansteigen. Die Mehrheit sieht die Vorgänge um Zypern selbst allerdings gelassen. Nur 29 Prozent können sich vorstellen, dass daraus eine ernste Gefahr für die Euro-Zone erwachsen könnte; die meisten halten das Land und seine Wirtschaft für zu klein, um gravierende Risiken für die gesamte Währungsunion auszulösen.

          Stimmabgabe beim Gründungsparteitag der Alternative für Deutschland
          Stimmabgabe beim Gründungsparteitag der Alternative für Deutschland : Bild: dpa

          Die Vorgehensweise in der Zypern-Krise wird von den meisten unterstützt. So halten es 87 Prozent für richtig, dass Zypern einen beträchtlichen Beitrag übernimmt. Auch die Heranziehung privater Anleger findet Zustimmung. 69 Prozent halten es für richtig, dass Anleger ab einem Anlagevolumen von 100000 Euro an den Kosten für die Rettung beteiligt werden. Die Mehrheit ist weit davon entfernt, dies als Präzedenzfall zu werten, der auch sie betreffen könnte.

          Generell findet der Kurs der Bundesregierung bei den Bemühungen, die Situation in der Euro-Zone zu befrieden, überwiegend Zustimmung. Die Mehrheit stellt der Kanzlerin in Bezug auf ihr Krisenmanagement ein gutes Zeugnis aus. Dies hat nicht zuletzt mit der robusten deutschen Konjunktur zu tun, durch die die Krise für die Mehrheit rein virtuell geblieben ist. Dies stabilisiert auch die Grundhaltungen zu Europa. Langzeitanalysen belegen, dass die Bewertung der Mitgliedschaft in der Europäischen Union in Deutschland in einer gewissen Bandbreite immer konjunkturabhängig war. Wenn sich die Konjunktur deutlich abschwächt, wachsen teilweise Zweifel am Wert der Mitgliedschaft und dem Projekt der europäischen Integration.

          In den vergangenen Jahren hat sich jedoch inmitten der europäischen Krise die materielle Lage weiter Teile der Bevölkerung verbessert. Der Kreis derjenigen, die sich als Wohlstandsgewinner sehen, wächst kontinuierlich, die Zahl der Wohlstandsverlierer schrumpft. Dies fördert bei aller Beunruhigung eine gewisse Gelassenheit. Sie zeigt sich auch in der sinkenden Unterstützung für drakonische Maßnahmen wie den Ausschluss überschuldeter Länder aus der Euro-Zone. Zeitweise wurden solche Maßnahmen von 55 Prozent der Bürger unterstützt, aktuell noch von 45 Prozent; vor Ausbruch der Zypern-Krise waren es 43 Prozent.

          Hätten Sie lieber wieder die D-Mark?
          Hätten Sie lieber wieder die D-Mark? : Bild: F.A.Z.

          Die Zypern-Krise hat auch tendenziell wieder die Zweifel an den Überlebenschancen des Euro verstärkt. Im Februar waren 37 Prozent der Bürger skeptisch, ob es den Euro auch in zehn Jahren noch geben wird, jetzt sind es 42 Prozent. 48 Prozent glauben an die Zukunft der Gemeinschaftswährung. Der Euro wird nach wie vor nicht geliebt. Nur 26 Prozent sind überzeugt, dass der Euro Deutschland überwiegend Vorteile bringt; 33 Prozent assoziieren die Gemeinschaftswährung überwiegend mit Nachteilen, 34 Prozent sowohl mit Vor- wie mit Nachteilen.

          Aber trotz dieser Bewertung und trotz der immer wieder aufflammenden Krise setzt sich die Abkehr von der früheren nationalen Währung fort. Der Wunsch nach einer Rückkehr zur D-Mark hat einen neuen Tiefpunkt erreicht. Wünschten sich 2002 noch 61 Prozent eine Rückkehr zur Mark, waren es 2007 55 Prozent, 2010 47 Prozent, 2012 42 Prozent und jetzt 37 Prozent. Eine Währung ist in hohem Maße eine Frage der Gewohnheit - vorausgesetzt sie ist nicht völlig instabil. Besonders für die junge Generation ist die D-Mark schon ferne Geschichte. Nur 20 Prozent der Unter-30-Jährigen wünschen sich die nationale Währung zurück, dagegen 40 Prozent der 45- bis 59-Jährigen und 46 Prozent der älteren Generation. Auch bei den Älteren erodiert jedoch die Sehnsucht nach der Mark kontinuierlich.

          Anhänger der AfD halten Euro für einen Irrweg

          Diese Sehnsucht ist typisch für diejenigen, die sich vorstellen können, die Alternative für Deutschland bei einer Wahl zu unterstützen. Von ihnen wünschen sich 80 Prozent eine Rückkehr zur nationalen Währung. 69 Prozent dieses Kreises sind überzeugt, dass die Nachteile des Euro für Deutschland überwiegen. Drei Viertel des Potentials der AfD bezweifeln, dass es den Euro in zehn Jahren noch geben wird. Auch die Bedeutung der Gemeinschaftswährung für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes wird von den potentiellen Wählern der AfD anders eingeschätzt als von der großen Mehrheit, die keine Sympathien für die Bewegung erkennen lässt. 68 Prozent halten den Fortbestand des Euro für die weitere wirtschaftliche Entwicklung des Landes für wichtig oder sogar sehr wichtig - trotz der verbreiteten Assoziation mit beträchtlichen Risiken. Von den Anhängern der AfD teilen nur 32 Prozent diese Einschätzung, während die Mehrheit glaubt, dass die wirtschaftlichen Chancen des Landes durch eine Aufgabe der Gemeinschaftswährung nicht tangiert wären.

          Die potentiellen Unterstützer der „Alternative“ sind nicht signifikant stärker als der Durchschnitt der Bevölkerung über die Krise in der Euro-Zone beunruhigt. Aber sie halten die gesamte Konstruktion einer Währungsunion für einen Irrweg und hoffen entsprechend, dass die Krise dazu beiträgt, diesen Weg zu beenden. Als Übergangsmaßnahme plädieren sie mit großer Mehrheit für den Ausschluss überschuldeter Länder.

          Die Stärke der Parteien
          Die Stärke der Parteien : Bild: F.A.Z.

          Die andauernde Krise wie auch der immerhin noch bei gut einem Drittel der gesamten Bevölkerung vorhandene Wunsch nach einer Rückkehr zur nationalen Währung schaffen einen Resonanzboden für die neue Partei. Allerdings fällt auf, dass sie vor ihrem Gründungsparteitag völlig im Windschatten der öffentlichen Aufmerksamkeit lag. Nur 22 Prozent der Bevölkerung hatten bis dahin registriert, dass sich die Alternative für Deutschland formierte. Selbst der überwältigenden Mehrheit der politisch interessierten Bevölkerungskreise war dies bis zu diesem Zeitpunkt entgangen. Es bleibt abzuwarten, ob es der neuen Partei gelingt, in den nächsten Wochen nachhaltig Aufmerksamkeit zu gewinnen und dies auch in aktive Unterstützung zu überführen.

          Immerhin können sich 17 Prozent der Bürger vorstellen, eine Partei zu unterstützen, die sich für die Abschaffung des Euro einsetzt. Für politisch Desinteressierte ist dies eher vorstellbar als für politischInteressierte. Stellt man Ziele aus dem Programm vor, unter anderem die Wiedereinführung der D-Mark, den Stopp von Hilfszahlungen an überschuldete Euro-Länder, eine teilweise Rückverlagerung von Kompetenzen von der europäischen auf die nationale Ebene und eine stärkere Bürgerbeteiligung, wächst das Potential geringfügig auf 19 Prozent. Der Kreis, der es grundsätzlich begrüßt, dass sich eine Partei mit diesem Programm konstituiert, umfasst 22 Prozent der Bevölkerung.

          Die Piraten hatten noch höheres Potential

          Für die Einordnung dieser Ergebnisse ist ein Vergleich mit den Potentialen der Piraten interessant. Hier konnten sich im Verlauf der vorigen anderthalb Jahre bis zu 32 Prozent vorstellen, diese Partei einmal bei Wahlen zu unterstützen. Binnen weniger Monate ist dieses Potential dramatisch geschrumpft, da die Piraten es nicht schafften, den Organisationsgrad, die personelle Ausstattung und das inhaltliche Profil zu entwickeln, mit dem sie ihr Potential besser hätten nutzen können. Auch die AfD steht nun vor der Herausforderung, Strukturen für einen Wahlkampf aufzubauen.

          Die Fokussierung auf ein Ende der Währungsunion ließe erwarten, dass sich das Potential der AfD vor allem aus der über 60 Jahre alten Bevölkerung rekrutiert. Dies ist jedoch nicht der Fall. Obwohl die ältere Generation noch weitaus mehr an der D-Mark hängt als die junge, kann sie sich weniger als der Durchschnitt der Bevölkerung vorstellen, diese Partei zu unterstützen.

          Die Partei rekrutiert aus allen Lagern

          Das Potential der AfD rekrutiert sich unterdurchschnittlich aus den Unter-30-Jährigen sowie aus der älteren Generation, leicht überdurchschnittlich aus den 30- bis 60-Jährigen. Dagegen weicht die Bildungsstruktur stärker vom Durchschnitt der Bevölkerung ab: 51 Prozent des Potentials haben Volks- bzw. Hauptschulabschluss (in der Bevölkerung 39 Prozent), nur 11 Prozent ein abgeschlossenes Studium beziehungsweise Abitur; in der Gesamtbevölkerung hat jeder vierte einen höheren Bildungsabschluss.

          Was den politischen Standort angeht, rekrutieren sich die potentiellen Unterstützer der AfD aus allen Lagern, leicht überdurchschnittlich bemerkenswerterweise aus Anhängern von Linken und Piraten. Das mutet zunächst merkwürdig an; diese Kreise verbindet aber eine überdurchschnittliche Unzufriedenheit, verbunden mit einem unterdurchschnittlichen Vertrauen in die etablierten Parteien. Insgesamt ergeben jedoch die parteipolitischen Sympathien der potentiellen Unterstützer kein gravierend anderes Bild, als es im Durchschnitt der Bevölkerung zu finden ist. 40 Prozent setzen die Unionsparteien auf den ersten Rang ihrer Parteisympathien, 27 Prozent die SPD.

          Bei den konkreten Wahlabsichten für die Bundestagswahl spielt die AfD bisher eine untergeordnete Rolle. Obwohl sich knapp ein Fünftel der Bevölkerung vorstellen kann, diese Partei einmal zu unterstützen, erreicht sie bei den konkreten Wahlabsichten bisher nur zwischen 1 und 2 Prozent. Entsprechend ist offen, ob sie reüssieren kann oder nur eine Fußnote der Bundestagswahl ausmachen wird. Alle Zahlen wurden vor dem Gründungsparteitag der AfD erhoben.

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