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Interview mit Kurdenvertreter : „Auch konservative Kurden werden Erdogan nicht mehr unterstützen“

Ein Wahlhelfer zeigt am 7. Juni auf dem Gelände des türkischen Generalkonsulats den Wahlschein vor einem Wahllokal. Bild: dpa

Die Stimmen der Kurden gelten als ausschlaggebend für den Ausgang der Wahl in der Türkei. Das gilt auch für die wahlberechtigten Deutschtürken. Ein Gespräch mit Ali Ertan Toprak von der Kurdischen Gemeinde Deutschland.

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          Herr Toprak, heute ist der letzte Tag, an dem Deutschtürken in den Konsulaten ihre Stimmen abgeben dürfen. Denken Sie, das Wahlkampfverbot in Deutschland hat sich auf das Wahlverhalten der Deutschtürken ausgewirkt?

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Aylin Güler

          Redakteurin für Social Media.

          Zunächst kann ich sagen, dass dieses Verbot dafür gesorgt hat, dass es hier ruhiger geworden ist unter den türkeistämmigen Menschen. Jetzt können keine Politiker aus der Türkei hier auftreten und die Menschen aufhetzen. Das war beim Referendum über das Präsidialsystem im vergangenen Jahr und den Wahlen davor ganz anders – und es war auf jeden Fall eine richtige Entscheidung, diese Auftritte zu verbieten.

          Und wie sieht es mit dem Wahlverhalten aus?

          Sowohl die Unterstützer des Erdogan-Regimes, als auch die Unterstützer der Opposition sind sehr motiviert, Wahlkampfverbot hin oder her. Ich gehe davon aus, dass AKP in Deutschland wieder auf Platz eins und die HDP auf Platz zwei landen wird.

          Unter Deutschtürken schneiden HDP und AKP besser ab als in der Türkei, die CHP hingegen schlechter. Liegt das vor allem daran, dass viele, die als politische Flüchtlinge nach Deutschland kamen, Kurden sind und die viele derer, die als Gastarbeiter kamen, religiös und konservativ?

          Sicherlich hat das damit zu tun, aber das ist nicht der einzige Grund. Linke und kurdische Oppositionelle hierzulande sind politisch interessiert und gut organisiert. Sie werden vor allem von der HDP mobilisiert. Auch die AKP kann ihre Anhängerschaft hier gut mobilisieren. Durch die Moscheen hat sie Netzwerke, mit denen sie die Menschen leicht erreichen kann. Auch staatliches Geld hilft Erdogan in Deutschland: Die AKP stellt etwa  kostenlose Busse zur Verfügung, mit denen die Leute von AKP-nahen Vereinen und Moscheen an die Wahlurnen gefahren fahren.

          Ali Ertan Toprak, Bundesvorsitzender der Kurdischen Gemeinde Deutschland, aufgenommen im Juni 2018 am Frankfurter Hauptbahnhof

          In Deutschland sind vor allem diejenigen Kurden in Vereinen organisiert und in der Öffentlichkeit sichtbar, die sich stark mit ihrem Kurdischsein identifizieren. Viele religiöse Kurden aber wählen die AKP, für sie ist ihre Religion identitätsstiftender als ihre Herkunftsregion. Ist die Sicht auf die Kurden in Deutschland verzerrt – auch durch Organisationen wie die Ihrige?

          Als kurdische Gemeinde Deutschland sind wir keine Exil-Organisation, sondern eine deutsche NGO von Deutschkurden. Die meisten unserer Mitglieder sind deutsche Staatsbürger und interessieren sich in erster Linie für die deutsche Politik und für die politische Teilhabe hier in Deutschland. Aber natürlich versuchen wir, durch Öffentlichkeitsarbeit auf die Situation der Kurden aufmerksam zu machen. Denn uns berührt, was in den kurdischen Gebieten passiert, sowohl in Syrien und im Irak als auch in der Türkei. Wir haben dort noch viele Verwandte und Freunde und wünschen uns, dass auch sie in Freiheit und Demokratie leben können.

          Und das sehen alle Kurden gleich?

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