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Muslime in Deutschland : Wenig Gegenliebe

Freitagsgebet in der Merkez-Moschee in Duisburg Bild: dpa

Während die meisten Muslime in Deutschland gut integriert sind, nimmt die Ablehnung des Islam in der Mehrheitsgesellschaft zu. Das zeigt eine aktuelle Bertelsmann-Studie. Wie aber gehen sie mit radikalen Islamisten um?

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          Für 90 Prozent der hochreligiösen sunnitischen Muslime in Deutschland ist die Demokratie eine gute Regierungsform, 85 Prozent von ihnen meinen, jede Religion habe einen wahren Kern. Ja sogar der Aussage, homosexuelle Paare sollten die Möglichkeit haben, zu heiraten, stimmen 40 Prozent zu. Zudem haben neun von zehn befragten Muslimen Kontakt in ihrer Freizeit zu Menschen außerhalb ihrer Religion. „Gängige Thesen zu muslimischen Parallelgesellschaften sind somit faktisch nicht haltbar“, schreiben die Autoren einer Studie, die die Bertelsmann-Stiftung am Donnerstag veröffentlichte. „Muslime sind mit Staat und Gesellschaft eng verbunden.“ Darüber hätte man sich in der muslimischen Gemeinde vermutlich laut vernehmbar gefreut. Doch dann fielen die Schüsse in Paris.

          Julian Staib

          Politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

          Seitdem beteuern Vertreter der Muslimverbände täglich ihre Betroffenheit. Am Mittwoch schon, dem Tag der Morde in Paris, trafen sich Verbandsvertreter zu einer „Krisensitzung“, am Donnerstag wurden die Anschläge öffentlich scharf verurteilt, und am Freitag gleich noch einmal. Aus allen Äußerungen spricht die Sorge, nun unter Generalverdacht gestellt zu werden.

          „Uns fehlen die Worte, wie Menschen zu so einer Tat fähig sein können“, sagte der Vorsitzende des Islamrats in Deutschland, Ali Kizilkaya, bei der gemeinsamen Pressekonferenz der muslimischen Verbände in Köln. Bis zum Mittwoch habe sich der Zusammenhalt in der Gesellschaft stark angefühlt. Nun dürfe nicht zugelassen werden, dass es den Attentätern gelingt, einen „Bruch in die Gesellschaft“ zu tragen, äußerte der stellvertretende Generalsekretär der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs, Murat Gümüs. Die Verbände riefen dazu auf, die Gesellschaft müsse den Islamisten nun geschlossen entgegentreten.

          Ablehnung des Islam in allen politischen Milieus

          Doch die Bertelsmann-Studie deutet an, dass eben jene Geschlossenheit schon brüchig ist. Denn die Mehrheit der Nicht-Muslime in Deutschland lehnt Muslime und den Islam zunehmend ab. 57 Prozent der Befragten Nicht-Muslime nehmen den Islam als Bedrohung war (im Vergleich zu 53 Prozent im Jahr 2012). In Sachsen, wo kaum Muslime leben, sind es mit 78 Prozent die meisten, in Nordrhein-Westfalen mit seinen hohen Bevölkerungsanteil von Muslimen sind es hingegen nur 46 Prozent.

          Deutschlandweit stimmen 61 Prozent der Aussage zu, der Islam passe nicht zur westlichen Welt (2012 waren es noch 52 Prozent) und 40 Prozent fühlen sich durch Muslime wie ein Fremder im eigenen Land. Aus Sicht von knapp einem Viertel der Befragten sollte gar die Einwanderung von Muslimen vollständig untersagt werden. Nach Angaben der Bertelsmann-Stiftung herrschen diese Meinungen in allen politischen Milieus vor, es zeige sich „kein eindeutiger Zusammenhang zwischen politischer Orientierung und Islamwahrnehmung“. Allein jüngere Menschen empfinden den Islam offenbar als weniger gefährlich: Von den unter 25 Jahre alten Deutschen sehen sich 39 Prozent durch den Islam bedroht (gegenüber 61 Prozent bei Deutschen über 54 Jahren).

          Salafisten mit Berührungspunkten zu den Moscheegemeinden?

          „Für Muslime ist Deutschland inzwischen Heimat. Sie sehen sich aber mit einem Negativ-Image konfrontiert, das anscheinend durch eine Minderheit von radikalen Islamisten geprägt wird“, sagt die Yasemin El-Menouar von der Bertelsmann Stiftung. Es gebe eben viel Unwissenheit und „Fehlwahrnehmungen“, führt Nurhan Soykan aus, die Generalsekretärin des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD). Nun müsse man mehr Dialoge führen, noch mehr offene Türen bieten. Die Herausforderung sei es, den Menschen diese „unbegründete Ängste“ zu nehmen, äußerte Ihsan Öner, der Vorsitzende der Union der Türkisch-Islamischen Kulturvereine in Europa, in Köln.

          Die islamfeindliche Bewegung Pegida wird von den muslimischen Verbänden mit großer Sorge beobachtet. Mit Freude habe man festgestellt, dass vor allem in westdeutschen Städten Tausende gegen Pegida auf die Straße gingen. Auch dass Bundeskanzlerin Merkel und Innenminister Thomas de Maizière sich „schützend“ vor die Muslime in Deutschland gestellt hätten, sei Anlass für Zuversicht. Merkel hatte das gute Verhältnis zur „übergroßen Mehrheit der Muslime“ betont, doch auch geäußert, vor vereinzelten Muslimen, die sich auch in Deutschland islamistischen Gruppen anschlössen, müsse man sich schützen.

          Nur wie? Darauf wird von Seiten der muslimischen Verbände nur ungern eingegangen. Hunderte Salafisten aus Deutschland sind in den Krieg nach Syrien gezogen. Einige hatten Berührungspunkte zu den Moscheegemeinden der Verbände. Es gäbe keine radikalen Salafisten in den Moscheegemeinden, sagte der stellvertretende Generalsekretär von Milli Görüs, Murat Gümüs, dieser Zeitung. Auch gebe es zu Salafisten keinen Kontakt. „Das ist ein Bereich, der für uns nicht zugänglich ist“.

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