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Aktive Sterbehilfe : Ärzte als Todesengel?

In Berlin machen die Befürworter einer aktiven Sterbehilfe durch Ärzte mobil. Sie wollen Straffreiheit für Mediziner, die unheilbar Kranken den Freitod ermöglichen. Doch es gibt bessere Möglichkeiten.

          Vor einem Jahr gaben sich die Koalitionsparteien recht einsilbig: „Zu einer humanen Gesellschaft gehört das Sterben in Würde. Wir wollen die Hospize weiter unterstützen und die Versorgung mit Palliativmedizin ausbauen,“ hieß im Koalitionsvertrag. Auf mehr als eine durchaus interpretationsbedürftige Formel und unverbindliche Absichtserklärungen konnten sich CDU, CSU und SPD nicht verständigen. Dann kam Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe.

          Dem bekennenden Protestanten und Christlichen Demokraten war es peinlich, dass die schwarz-gelbe Vorgängerregierung dem Treiben von Sterbehilfeorganisationen tatenlos zugesehen hatte – die Vetomacht FDP ließ grüßen. Nun sollte ein Verbot jeder Form der gewerbsmäßigen wie der organisierten Sterbehilfe noch in diesem Jahr eine Mehrheit der Abgeordneten des Deutschen Bundestages finden. Doch auch dazu wird es nicht kommen.

          Thema entwickelt Eigendynamik

          Denn die Debatte über ein „Sterben in Würde“ hat über den Sommer eine vielstimmige Eigendynamik entwickelt, die Gröhes Anliegen längst hinter sich gelassen hat: Nicht die dubiose Rolle von Sterbehilfeorganisationen, sondern die Rechte und Pflichten der Ärzte im Hinblick auf ein Sterben in Würde sind in den Fokus von Politik und Gesellschaft gerückt. Und das ist gut so.

          Nicht gut aber ist, mit welchen Annahmen eine Reihe namhafter Politiker aus den Reihen der Koalitionsparteien der Ärzteschaft ansinnen wollen, sich – selbstverständlich freiwillig – als Sterbehelfer zur Verfügung zu stellen. Es ist nicht nur grotesk, wenn Hintze, Lauterbach und Co. die aktive Mitwirkung eines Arztes an der Selbsttötung einer Person als „Therapiefreiheit“ adeln.

          Störendes wird ignoriert

          Noch grotesker ist, dass die Abgeordneten die vielfältigen Stimmen aus dem Feld der Palliativmedizin und -pflege gegen jede Form der rechtlichen Billigung des ärztlich assistieren Suizids ignorieren – also jener Ärzte und Pfleger, die Tag für Tag Personen zwischen Leben und Tod beistehen und ihnen dadurch ein schmerzfreies Sterben in Würde ermöglichen.

          Vollends grotesk ist die Suggestion, dass ärztliche Assistenz bei einer Suizidhandlung dann ins Spiel kommen müsse, wenn „palliativmedizinische Versorgung nicht mehr angezeigt ist“. Sollte dieser Fall eintreten, dann würden Ärzte zu Todesengeln, weil Kollegen versagt haben. Das als rechtssicheres „Sterben in Würde“ zu verbrämen ist nicht nur grotesk, sondern empörend.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

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