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Nach dem AKK-Rückzug : Das nächste Wagnis beginnt

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Frisch gewählt: Kramp-Karrenbauer 2018 bei ihrer Wahl zur Vorsitzenden in Hamburg Bild: Daniel Pilar

Kanzlerin will Kramp-Karrenbauer nicht mehr werden, aber auch ihr Zeitplan für die Übergabe des CDU-Vorsitzes wird kritisiert. Und bei der Suche nach einem Nachfolger kommen alte Fronten zum Vorschein.

          6 Min.

          Von Reinhard Bingener, Helene Bubrowski, Johannes Leithäuser, Eckart Lohse, Rüdiger Soldt und Markus Wehner

          Die beiden Frauen haben sich gut verstanden. Sogar öffentlich sprach Merkel von „Annegret“, wenn sie die CDU-Vorsitzende Kramp-Karrenbauer meinte. Zuletzt am Montagnachmittag, als sie im Kanzleramt an der Seite des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán Kramp-Karrenbauers angekündigten Rückzug vom CDU-Vorsitz und ihren Verzicht auf die Kanzlerkandidatur mit „Bedauern“ zur Kenntnis nahm. Doch am Ende war dieses Vertrauensverhältnis wohl beschädigt.

          Kurz vor Merkels Auftritt war Kramp-Karrenbauer in der CDU-Zentrale vor die Mikrofone getreten. „Die Trennung von Kanzleramt und Parteivorsitz, die offene Frage der Kanzlerkandidatur, schwächt die CDU“, sagte sie. Das ging gegen Merkel. Die hatte diese Trennung am 29. Oktober 2018, nach ihrer Ankündigung, nicht Parteivorsitzende, wohl aber Kanzlerin bleiben zu wollen, als „Wagnis“ bezeichnet. Kramp-Karrenbauer war es eingegangen. Am Montag gestand sie ihr Scheitern ein. Ein bisschen davon wollte sie offenkundig auch auf den Schultern der Kanzlerin abladen.

          Am Ende fühlte Kramp-Karrenbauer sich von ihren Parteifreunden nicht mehr ausreichend getragen, nicht genug verteidigt, zu oft öffentlich angegriffen. Es störte sie erheblich, so war am Montag aus der CDU zu hören, dass Beschlüsse, gleich nachdem sie gefasst waren, von Parteifreunden wieder in Frage gestellt wurden. Immer wieder wurden per Smartphone schon aus laufenden Sitzungen heraus Kommentare veröffentlicht. Das führte nicht zu empörten Bemerkungen in den Gremiensitzungen des Montags, sondern sogar zu einem Beschluss. So wie in Wildwest-Filmen die Cowboys beim Betreten des Saloons ihre Revolver am Eingang liegen lassen müssen, sollen die Mitglieder der CDU-Führungsgremium künftig vor Sitzungsbeginn ihre Smartphones abgeben. Offenbar ist viel Vertrauen kaputtgegangen.

          Widersprüchliche Reaktionen

          Sie wolle, so sagte die Noch-Vorsitzende, den Prozess der Kanzlerkandidatur weiterhin führen. Einen genauen Zeitplan legte sie nicht vor, ließ aber doch erkennen, dass – wie bisher geplant – auf dem Parteitag am Ende dieses Jahres bestimmt werden soll, wer die Union in die nächste Wahl führt. Da soll dann vermutlich auch eine oder angesichts der Kandidatenlage wohl eher ein neuer Vorsitzender gewählt werden. Doch schnell waren Stimmen aus der Union zu hören, dass man eine frühere Entscheidung brauche. Das nächste Wagnis hat begonnen.

          Die Reaktionen aus der Union auf den Rücktritt waren am Montag so widersprüchlich wie sich die Partei derzeit darstellt. Vielfach wurde in der CDU „Respekt“ für die Entscheidung Kramp-Karrenbauers bekundet. Jens Spahn etwa äußerte sich so. Bei einigen klingt es eher danach, als seien sie erleichtert, dass die Vorsitzende endlich verstanden habe, dass sie Kanzlerin einfach nicht könne. Bei anderen Parteifreunden ist auch echtes Bedauern zu hören, sogar Mitleid. „Sie hat sich menschlich kaputtgemacht“, sagt einer ihrer Unterstützer, habe in den vergangenen Monaten ihren Esprit, ihre Ausstrahlung, ihren Humor verloren. Gut gelaufen seien die vergangenen anderthalb Jahre zwar nicht, aber das habe nicht nur Kramp-Karrenbauer zu vertreten.

          Die Landtagswahlen in dieser Zeit wären mit einem anderen Vorsitzenden kaum besser ausgegangen. Manche aus dem liberalen Lager äußern ihr Mitgefühl über das „persönliche Drama“ ihrer Vorsitzenden, sie nennen es „dramatisch“, wie die CDU mit ihrem gewählten Führungspersonal umgehe. Der Rücktritt Merkels als Parteivorsitzende habe nicht, wie erwartet, zu einer Befriedung geführt, sondern durch das entstandene Machtvakuum sei das Gegenteil passiert. Die Heckenschützen hätten Kramp-Karrenbauer gleich nach ihrem knappen Sieg über den Gegenkandidaten Friedrich Merz unter Feuer genommen. Der Versuch der Vorsitzenden, sich durch Machtanhäufung, nämlich die Übernahme des Verteidigungsressorts, am eigenen Schopf aus dem Umfragetief zu ziehen, sei gescheitert.

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