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AKK nach Karnevals-Witz : Keine Gefahr für die Moderne

  • -Aktualisiert am

Will auch alte CDU-Wähler wieder abholen: Parteichefin Annegret Kramp-Karrenbauer Bild: dpa

Mit ihrem Karnevalswitz auf Kosten intersexueller Menschen hat die CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer die Gemüter erhitzt. Doch im Kern hat sie damit ein Problem der CDU getroffen: Vielen Stammwählern gibt die Partei in Sachen Gendergerechtigkeit zu sehr nach.

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          Annegret Kramp-Karrenbauer hat im Karneval einen Witz gemacht. Einen Witz über Männer, nämlich über Berliner Männer der „Latte Macchiato“-Generation, die nicht wüssten, ob sie beim „Pinkeln“ noch stehen dürften oder schon sitzen müssten. Ein Witz der bei aller karnevalistischen Plattheit sehr tief geht, weil er im Kern die Frage enthält, wie viele und welche Verhaltensweisen, die einst als selbstverständlicher Teil der Männerwelt galten, der moderne Mann beibehalten darf.

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Im konkreten Fall: Darf er aus Bequemlichkeit oder als selbstverständliches männliches Ritual seine Notdurft im Stehen verrichten und dieses in der festen Gewissheit tun, dass eine Frau – Mutter, Ehefrau oder Reinigungsfrau – schon hinter ihm her putzen wird? Oder muss ein auch nur einigermaßen moderner Mann sich selbstverständlich hinsetzen, weil das erstens nicht besonders aufwendig ist und zweitens das Miteinander aller Beteiligten deutlich erleichtert? Die CDU-Vorsitzende, die seit Jahren im Karneval auftritt, hat mit einem einzigen Witz an die Grundfrage gerührt, wie sehr Männer sich noch als Machos gerieren dürfen. Eine Frage, die auch im Jahr 2019 noch keineswegs beantwortet ist.

          Doch die Frau, die derzeit als Top-Kandidatin für die Nachfolge Angela Merkels im Kanzleramt gilt, hatte sich als Austragungsort für ihren Witz nicht etwa eine Reihenhaustoilette ausgedacht, in der Ehemann und Ehefrau diesen Streit ausfechten, sondern eine von jenen Berliner Toiletten, bei denen gesonderte Einheiten für diejenigen Nutzer vorgesehen sind, die weder als Frau noch als Mann durchs Leben gehen. Postwendend schlug Kramp-Karrenbauer eine Protestwelle entgegen, weil sie Scherze auf Kosten von Minderheiten mache. Bis hinein in die Reihen des sozialdemokratischen Koalitionspartners ging die Aufregung. Seitens der Grünen, die bei der Gendergerechtigkeit besonders wenig Spaß verstehen, kam selbstverständlich ebenfalls Empörung.

          Kramp-Karrenbauer lebt selbst kein traditionelles Familienbild

          Kann man sich vorstellen, dass Annegret Kramp-Karrenbauer das Rad der gesellschaftlichen Entwicklung zurückdrehen will? Die einen haben zum Beleg dieser Behauptung schnell das Argument bei der Hand, sie habe sich schon gegen die Ehe für alle gewandt. Andersherum lassen sich leicht Indizien dafür finden, dass Kramp-Karrenbauer gerade nicht zurück, sondern vor allem in Sachen Geschlechterrollen nach vorne will. Sie hat in ihrer Familie mit ihrem Mann die Rollen vertauscht, hat alles Gewicht auf ihre politische Karriere gelegt, während er einen erheblichen Teil der Erziehung der drei gemeinsamen Kinder übernommen hat. Als Dank durfte er sich kürzlich das Witzeln seiner Frau in einem Interview anhören, er sei der „Held“ in den Krabbelgruppen gewesen.

          Das klingt nicht sehr nach traditionellem Gesellschaftsbild. Viele Frauen wären vermutlich stinksauer gewesen, wenn ihr beruflich erfolgreicher Mann so etwas über die Mutter seiner Kinder gesagt hätte. Kramp-Karrenbauer sagte das im Übrigen in einem Interview, das sie zusammen mit der Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt in der „Bild am Sonntag“ gab. Darin spricht die CDU-Vorsitzende, die in der Partei männlich-weiblich gemischte Spitzen für die  Bundesfachausschüsse einrichtet, viel über ihren Wunsch, Frauen stärker in der Politik zu verankern.

          Kramp-Karrenbauer als Gefahr für die Moderne hinzustellen, ist Unsinn. Warum aber macht sie solch einen Witz? Die Erklärung, es sei doch nun mal Karneval, ist zu oberflächlich. Erstens ist natürlich auch in der Fünften Jahreszeit nicht alles erlaubt. Zweitens weiß die CDU-Vorsitzende, dass sie als mögliche künftige Kanzlerin unter scharfer medialer Beobachtung steht, Twitter und Co. eingeschlossen. Sie wird sich gut überlegt haben, welchen Scherz sie macht.

          Vielen Stammwählern geht die CDU in Sachen Gendergerechtigkeit zu weit

          Annegret Kramp-Karrenbauer macht durch ihr gesamtes bisheriges Verhalten als Generalsekretärin und seit dem vorigen Dezember als Vorsitzende der CDU klar, was sie will: Sie will auch jene Teile der CDU mitnehmen, die sich durch Angela Merkel vernachlässigt fühlten. Aus dem Wirtschaftsflügel kommen inzwischen schon allerlei positive Kommentare über die Neue. Doch das Hadern eines – nicht selten älteren, männlichen – Teils der CDU mit dem Kurs der Partei in den letzten ein, zwei Jahrzehnten hat eben auch eine starke gesellschaftspolitische Komponente. Viel Unzufriedenheit wird mit Merkel verbunden, obwohl es sich um eine Entwicklung handelt, die zum Teil ganz ohne deren Zutun stattfand. Viele einstmals selbstverständliche CDU-Wähler wenden sich von ihrer Partei ab, weil nach ihrem Geschmack der Gendergerechtigkeit zu sehr und zu schnell nachgegeben wird. Nach dem Motto: Dass meine Frau und unsere Töchter arbeiten gehen, ist ja gut und schön, aber ein ganz klein bisschen alte Männerwelt muss doch noch erhalten bleiben.

          Es gibt immer weniger Orte, an denen sich die „alte Welt“, die vom überkommenen Rollenbild bis hin zur offenen Diskriminierung reicht, ausleben lässt. Fußballstadien gehören dazu oder Kneipen. Für viele gehört auch der Karneval dazu, in dem Witze über Frauen, Männer, aber eben auch Minderheiten an der Tagesordnung sind. Kramp-Karrenbauer hat versucht, den karnevalistischen Ausnahmezustand zu nutzen, um denjenigen zuzuwinken, die gerne mal einen politisch nicht korrekten Scherz auf Kosten einer Minderheit hören. Ihr Publikum im Saal hat kräftig gelacht und applaudiert. Ob es der CDU am Ende Sympathie und Wählerstimmen einbringt, ob irgendjemand sich durch einen Karnevalsscherz zurückholen lässt in die Welt der CDU, statt in Richtung einer Partei abzuwandern, die verspricht, das Rad der Geschichte wieder zurückzudrehen, das wird sich noch herausstellen müssen.

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