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Insolventer Billigflieger : Keine Einigung über Restflotte von Air Berlin

  • -Aktualisiert am

Der Abschied naht: Flugzeuge von Air Berlin auf dem Flughafen Tegel in Berlin Bild: Matthias Lüdecke

Ende der Woche hebt der letzte Flug der zerschlagenen Air Berlin ab. Doch die Verhandlungen über den Verkauf und Gründung einer Transfergesellschaft stocken. Tausende Mitarbeiter bangen um ihre Stelle.

          Kurz vor dem Ende des Air-Berlin-Flugbetriebs am Freitag gerät die Zerteilung der Gesellschaft immer mehr zur Nervenprobe. Denn es gibt keine Einigung mit dem britischen Billigflieger Easyjet, der neben der Deutschen Lufthansa als präferierter Bieter für Teile des Flugbetriebs behandelt wurde. Auch zur Zukunft der Wartungssparte Air Berlin Technik brachten die Sitzungen der Air-Berlin-Gläubigerausschüsse am Dienstag kein Ergebnis. Und die Pläne für eine Transfergesellschaft für Tausende Air-Berlin-Mitarbeiter ohne direkte Folgebeschäftigung wanken.

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Ein Treffen von Vertretern des Bundes und der Länder Berlin, Nordrhein-Westfalen und Bayern, in denen Air Berlin große Standorte hat, hatte am Montagabend zu keinem Durchbruch geführt. Bayern kündigte an, sich nicht an den Kosten einer Transfergesellschaft beteiligen zu wollen. Wird bei einem weiteren Termin am heutigen Mittwoch keine Lösung gefunden, dürfte der Air-Berlin-Generalbevollmächtigte Frank Kebekus nach Informationen aus Unternehmenskreisen am Donnerstag wohl die ersten von möglicherweise mehr als 4000 Kündigungen aussprechen.

          Der Chef der Berliner Senatskanzlei, Björn Böhning (SPD), appellierte an die Länder, den Bund sowie an die Lufthansa als Käufer großer Teile der Fluggesellschaft, sich finanziell an einer Transfergesellschaft zu beteiligen. Er rief alle Beteiligten auf, Verantwortung für die Beschäftigten von Air Berlin zu übernehmen und eine Lösung zu ermöglichen. Die Mitarbeiter befänden sich in einer „kritischen Situation“, in der „Rosinenpickerei“ von interessierter Seite nichts bringen werde. Der Berliner Senat aus SPD, Linkspartei und Grünen setzt sich für die Gründung einer Transfergesellschaft ein. Die soll Beschäftigten helfen, im Falle der Kündigung sich nicht arbeitslos melden zu müssen, sondern eine Zeitlang weiterbeschäftigt zu werden und Zugang zu Coaching und Qualifizierung für neue Beschäftigungen zu erhalten. Nordrhein-Westfalens Arbeitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) hatte zuvor gesagt, sein Land würde sich mit den Kosten für Beratung und Verwaltung beteiligen. Die beteiligten Unternehmen müssten aber zumindest die Sozialversicherungsbeiträge übernehmen. Die Air-Berlin-Gläubiger gaben 10 Millionen Euro als Beitrag der insolventen Gesellschaft frei.

          Gespräche über die Konditionen gestalten sich als schwierig

          Obwohl das Ende des Air-Berlin-Betriebs absehbar ist, kursiert in Branchenkreisen der Verdacht, dass vor allem Piloten mit Bewerbungen bei der Lufthansa-Tochtergesellschaft Eurowings zögern. Nach Informationen dieser Zeitung sind für die 1300 Stellen, die Eurowings ausgeschrieben hat, 2500 Bewerbungen eingegangen. Allerdings stammten nur etwa 300 von Air-Berlin-Piloten. Damit könnte die Gesellschaft nicht alle 400 offenen Cockpit-Stellen mit Personal der Berliner besetzen. Als Grund für die Zurückhaltung der Air-Berlin-Beschäftigten gilt, dass sie darauf spekulieren, einen formalen Betriebsübergang durchsetzen zu können. Nur in diesem Fall, der als unwahrscheinlich gilt, würden sie ohne Gehaltseinbußen weiterbeschäftigt.

          Wie viele Mitarbeiter auf einen Wechsel zu Easyjet spekulieren können, ist wegen des bislang ausgebliebenen Verhandlungserfolgs ebenso offen. Zwar soll das Interesse der Briten an einem Teil des Air-Berlin-Betriebs mit etwa 25 Flugzeugen nicht erloschen sein. Die Gespräche über die Konditionen gestalten sich aber schwierig. Denn die als werthaltig angesehenen Air-Berlin-Betriebsteile mit eigener Betriebslizenz, die Tochtergesellschaften Niki und LGW, sollen beide – vorbehaltlich einer Genehmigung durch die EU-Kommission – an die Lufthansa gehen. Da die Phase für exklusive Gespräche mit Easyjet abgelaufen ist, kommt die Fluggesellschaft Condor aus dem Reisekonzern Thomas Cook wieder als Interessent ins Spiel. Condor lehnte eine Stellungnahme zum Gesprächsstand ab.

          Investor Utz Claassen sorgt für Unruhe

          Am Dienstag meldete Air Berlin lediglich für das Frachtgeschäft der Tochtergesellschaft Leisure Cargo eine Einigung. Es soll an den Berliner Logistiker Zeitfracht verkauft werden, der sich auch für die Wartungssparte interessiert. Dazu zitierte Air Berlin den Zeitfracht-Chef Wolfram Simon, diese Verhandlungen sollten bald erfolgreich abgeschlossen werden, damit möglichst viele Arbeitsplätze gesichert werden könnten.

          Am Rande des Verhandlungspokers sorgt der Investor Utz Claassen, der ein Gebot für die gesamte Gesellschaft abgegeben hatte, für Unruhe. Claassen hat bei der Staatsanwaltschaft Berlin Strafanzeige gegen den Air-Berlin-Vorstandsvorsitzenden Thomas Winkelmann gestellt. In der Anzeige äußert er gegen Winkelmann den Verdacht der Untreue und der möglichen vorsätzlichen Gläubigerbenachteiligung. Angeführt werden dazu unter anderem die Vergütung Winkelmanns, der bis 2021 bis zu 4,5 Millionen Euro erhalten soll, und die frühzeitige Ankündigung für das Aus des Langstreckengeschäfts, mit der eine Minderung der Insolvenzmasse verbunden sein könne. „Ich empfinde es als unmöglich und unerträglich, dass hier die Braut geschlachtet und damit wohl

          im Ergebnis 8000 Air-Berlin-Arbeitsplätze vernichtet wurden“, sagte Claassen dieser Zeitung. „Meine Loyalität gegenüber der Marke und insbesondere ihrer Belegschaft sowie mein Selbstrespekt als Staatsbürger haben mir geboten, diese Strafanzeige einzureichen.“ Air Berlin wies Claassens Vorwürfe zurück, sie entbehrten jeglicher Grundlage. „Sämtliche Vergabeentscheidungen werden streng nach den insolvenzrechtlichen Vorgaben getätigt“, sagte ein Sprecher. Weitere Rechtsmittel strebt Claassen nicht an. „Kartellrechtlich werde ich nichts mehr machen, da ich kein Player im Airline-Bereich bin. Das müssten andere tun“, sagte er.

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