https://www.faz.net/-gpf-9rb6w

Agenda Setting über Twitter : Sichtbar werden

  • -Aktualisiert am

Auch er weiß um die Möglichkeiten von Twitter: der britische Premierminister Boris Johnson twitterte am Donnerstag ein Selfie mit Fernsehmoderatoren Bild: AP

280 Zeichen sind wenig, können ein Thema aber auf die politische Agenda bringen. Das haben nicht nur Politiker wie Boris Johnson begriffen.

          6 Min.

          Mit einer Hebebühne helfen zwei Bahnmitarbeiter Raul Krauthausen samt seines E-Rollstuhls in den ICE. Er ist auf dem Weg nach Düsseldorf. Doch dort angekommen, sind die „Rotkäppchen“, wie er die Helfer wegen ihrer roten Uniformmützen liebevoll nennt, zu langsam. Der Rollstuhlfahrer kann nicht aussteigen und der Zug rollt mit ihm weiter.

          „Das war schlimm, weil ich meinen bezahlten Auftrag nicht wahrnehmen konnte“, erinnert sich der 39 Jahre alte Aktivist an den Vorfall. Damals macht er seinem Ärger direkt Luft und twittert über seinen „#Fail des Tages“. Noch im Zug klingelt sein Handy: Ein Zeitungsredakteur hat seinen Tweet entdeckt und will ihn dazu interviewen. Ein Interview, das auch der damalige Chef der Deutschen Bahn liest. „Rüdiger Gruber hat sich persönlich für den Vorfall entschuldigt und mich eingeladen, um darüber zu sprechen, was die Bahn für Menschen mit Behinderung verbessern kann“, erzählt Raul Krauthausen.

          Doch nicht jeder Tweet, den Krauthausen absetzt, hat eine solche Wirkung. „Gemeinsam mit meinen Mitstreitern des Vereins ‚Sozialhelden‘ versuche ich, über Twitter und andere soziale Medien immer wieder auf die Belange von Menschen mit Behinderung aufmerksam zu machen“, sagt Krauthausen. Damit versucht sich der kleine Berliner Verein wie viele andere Organisationen, Interessensgruppen oder Berufspolitiker am Agenda Setting über die sozialen Netzwerke. 

          Zusammenspiel von On- und Offline-Welt

          Das funktioniert über Twitter, falls die angestoßenen Themen von Multiplikatoren wie Wissenschaftlern, Journalisten oder Politikern aufgenommen werden. Diese Gruppen tauschen sich über den Kurznachrichtendienst vor allem im professionellen Kontext aus. „Auf Twitter machen Nutzer zum Beispiel auf Forschungsergebnisse, Pressemitteilungen oder Artikel aufmerksam und beteiligen sich an Diskussionen“, sagt die Politikwissenschaftlerin Jasmin Fitzpatrick.

          330 Millionen Nutzer waren im ersten Quartal des Jahres weltweit auf Twitter aktiv. Wie viele davon aus Deutschland kommen, gibt das Unternehmen jedoch nicht regelmäßig bekannt. Zwölf Millionen deutsche Nutzer pro Monat zählte Twitter zu seinem zehnten Geburtstag 2016 – wie viele davon auf der Plattform registriert sind oder nur mitlesen, legte der Konzern aber nicht offen.

          Ob registriert oder nicht: Durch Schlagworte und Hashtags können auf Twitter gezielt Themen verfolgt und kommentiert werden. „Oder ich setze einen neuen Hashtag und lade andere Nutzer so ein, auch darüber zu diskutieren, was mir wichtig ist“, sagt Fitzpatrick. Damit ein Thema aber auf der „Agenda“ lande, also in die Wahrnehmung von anderen Politikern und Entscheidern vordringen kann, müsse die Twitter-Debatte von klassischen Medien in die Offline-Welt gebracht werden. Gelungen sei das dem Youtuber Rezo. „Erst als große Medienhäuser in Print und Fernsehen über sein Video berichteten, wurde es millionenfach geklickt und bekam auch Aufmerksamkeit außerhalb von Rezos Youtube-Community“, sagt die Politikwissenschaftlerin.

          Das Zusammenspiel zwischen sozialen Medien und Journalismus funktioniert, weil Medienmacher Twitter als Stimmungsanzeiger nutzen. Davon ist Martin Fuchs überzeugt. Als Dozent und Politikberater beschäftigt er sich mit digitaler Kommunikation, bloggt und twittert aber als „Hamburger Wahlbeobachter“ auch selbst. „Twitter ist eine spannende Quelle für Journalisten, weil sich hier viele Politiker tummeln. Etwa die Hälfte der deutschen Landtagsabgeordneten, 70 Prozent der Mitglieder des Bundestages und sogar 90 Prozent der Europaabgeordneten haben einen Twitter-Account.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          In Berlin wird fleißig gebaut: Die kommunalen Gesellschaften in Berlin haben 2019 4608 Wohnungen fertiggestellt und damit ein Viertel mehr als im Jahr zuvor.

          Ultimatum bis Montag : Berliner Wohnungssumpf

          Baustadtrat Florian Schmidt galt als Robin Hood der Mieter. Nun soll er wichtige Akten manipuliert haben. Das kann auch für die Landesregierung gefährlich werden.
          Baden-Württemberg, Stuttgart: Ein Mercedes-Stern dreht sich auf dem Daimler-Werk in Untertürkheim. Die weltweiten Rückrufe und Verfahren im Zusammenhang mit dem Dieselskandal kosten den Autobauer Daimler für 2019 nochmals bis zu 1,5 Milliarden Euro zusätzlich.

          Folgen des Diesel-Skandals : Nächster Tiefschlag für Daimler

          Analysten und Anleger sind nervös: Der Autokonzern muss einen weiteren Milliardenbetrag für Diesel-Altlasten zurückstellen. Und auch die Van-Sparte leidet unter einer ganzen Reihe hausgemachter Schwierigkeiten. Ein Beobachter spricht von „einem traurigen Tag für alle Beteiligten“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.