https://www.faz.net/-gpf-14zzh

Afghanistan-Konferenz : „Verantwortung übergeben, Truppen heimholen“

  • Aktualisiert am

Afghanistans Präsident Karzai und der britische Premier Brown: Demut und Ansprüche Bild: REUTERS

Die internationale Staatengemeinschaft will die afghanische Regierung unter Präsident Hamid Karzai stärker in die Pflicht nehmen und verlangt eine „neue Phase der Eigenverantwortung“. Der fordert indes, ausländische Truppen noch zehn bis 15 Jahre im Land zu belassen.

          4 Min.

          Die internationale Staatengemeinschaft will die afghanische Regierung unter Präsident Hamid Karzai stärker in die Pflicht nehmen. Dies geht aus der Abschlusserklärung der Afghanistan-Konferenz am Donnerstag in London hervor, die der Deutschen Presse-Agentur dpa vorliegt. Man sei sich darin einig, dass nun eine „neue Phase auf dem Weg zu völliger afghanischer Eigenverantwortung“ beginne.

          Karzai selbst nannte einen Zeitrahmen von 15 Jahren für die Präsenz ausländischer Truppen. Zwar könne seine Regierung bereits bis 2015 die Verantwortung für die Sicherheit in allen 34 Provinzen des Landes übernehmen. Da Afghanistan aber noch die Mittel für die Finanzierung von Streitkräften und Polizei fehlten, sei die Zeit bis zum Abzug der internationalen Truppen noch auf zehn bis 15 Jahre zu veranschlagen.

          Vor den Teilnehmern der Afghanistan-Konferenz aus 70 Staaten und internationalen Organisationen kündigte Karzai an, dass er schon bald eine Friedenskonferenz einberufen werde, um gemäßigten Kräften der Taliban-Miliz die Hand zu reichen. Das Angebot zur Wiedereingliederung in die Gesellschaft gelte für alle Landsleute, insbesondere aber für diejenigen, die weder Al Qaida noch anderen terroristischen Netzen angehörten. Für einen Fonds mit finanziellen Anreizen für einen Ausstieg hat die Staatengemeinschaft mindestens 500 Millionen Dollar in Aussicht gestellt. Die Taliban haben diesen Plan am Mittwoch im Internet zurückgewiesen und erklärt, ihre Kämpfer ließen sich nicht von finanziellen Anreizen zum Ausstieg verlocken.

          Afghanistan-Konferenz : „Verantwortung übergeben, Truppen heimholen“

          Der britische Premierminister Gordon Brown sprach von einem Wendepunkt in der Afghanistan-Strategie nach acht Jahren internationaler Präsenz. Die Übergabe befriedeter Distrikte in afghanische Verantwortung werde noch in diesem Jahr beginnen. Brown sprach von einer Strategie der „Afghanisierung“: „In dem Maße, in dem die afghanischen Sicherheitskräfte stärker werden, können wir die Verantwortung für die Sicherheit übergeben, und unsere Truppen können nach Hause gehen.“ Bis zur Mitte des nächsten Jahres müsse die Wende hin zu mehr Eigenverantwortung für die Afghanen vollbracht sein.

          Westerwelle: Ein neues „Kapitel“

          Der deutsche Außenminister Guido Westerwelle (FDP) sprach von einem „neuen Kapitel“ in der Afghanistan-Politik. Künftig solle der Akzent mehr auf dem zivil-politischen Wiederaufbau liegen. Das Militär solle künftig den zivilen Aufbau schützen, sagte Westerwelle vor Beginn der Verhandlungen, die von Brown, UN-Generalsekretär Ban Ki-moon und dem afghanischen Präsidenten Hamid Karzai geleitet werden.

          Debattiert werden sollte über die Sicherheit Afghanistans, über Entwicklung und Regierungsführung sowie über die regionale Dimension des Konflikts. Ban warb für einen „ausgewogenen“ militärisch-zivilen Ansatz.

          Karzai selbst bekräftigte sein bei Amtsantritt im vergangenen Jahr formuliertes Ziel, dass sein Land bis 2014 in der Lage sein solle, selbst für seine Sicherheit zu sorgen. Er sprach sich abermals für einen innergesellschaftlichen Versöhnungsprozess aus. Man strecke die Hand aus zu all jenen Aufständischen, die der Gewalt abschwörten, nicht zu Al Qaida gehörten und die Verfassung achteten.

          Westerwelle sagte, unter den Delegationen gebe es sehr viel Zustimmung zu einem Fonds für die Reintegration moderater Taliban. „Wir wollen, dass junge Männer, die nicht Ideologen und fundamentalistische Terroristen sind, eine Chance bekommen, in die afghanische Gesellschaft zurückzukehren“, sagte Westerwelle. Den Mitläufern müsse man eine Brücke bauen, damit sie eine wirtschaftliche Zukunft unabhängig von den Taliban bekämen. Der Fonds soll 350 Millionen Euro betragen. Deutschland will insgesamt 50 Millionen Euro über fünf Jahre beisteuern.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          VW-Vorstandsvorsitzender Herbert Diess

          Volkswagen : Porsche wird zum Spielball im VW-Machtkampf

          Gedankenspiele über einen Börsengang des Sportwagenbauers und die Beteiligung der Familie an Volkswagen sorgen für Aufsehen. An diesem Donnerstag kommt der VW-Aufsichtsrat zusammen. Bleibt Herbert Diess an der Konzernspitze?